Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Auswanderung
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 291 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895574-2907595--10104-2907642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Guben 1× ep/1044673
OCR text
Auswanderung — hundert Jahre später Eintracht nach dem streben, was edel und gut ist in den Augen Gottes und der Menschen." Für diese erträumte Gemeinsamkeit, die sich auch in der neuen Staatsgesinnung dokumentierte, war man auch freudig bereit, Leib und Leben in die Schanze zu schlagen. Theodor Reisner nahm als preußischer Soldat an den deutschen Einigungskriegen 1866 und 1870/71 teil. Die Zeit des nachmaligen Kaiserreichs brachte für die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Seelow im Kreise Lebus eine Art Wiederkehr dessen, was die Vorgeneration in der Grenzmark erfahren hatte. Wieder waren die Familien gewachsen, wieder gab es am Ort keine Ausdehnungsmöglichkeit. Mann Marcus Reisner hatte sechs heranwachsende Kinder, seine Vettern Theodor und Jacob desgleichen. Dafür taten sich nun für jedermann, der daran teilhaben wollte, im geeinten Deutschland neue Betätigungsmöglichkeiten auf. Die Reichweite des Handels verbreiterte sich innerhalb der größeren Zolleinheit. Die industrielle Verarbeitung der heimischen Rohstoffe für den wachsenden inneren Markt regte zur Fabrikgründung an. Von den vier Söhnen von Mann Marcus Reisner blieb einer wegen Krankheit erwerbslos, je einer von ihnen ging nach Guben und Berlin, wo sie sich im Getreidegroßhandel betätigten, einer nahm in Guben die Wollstoffabrikation auf. Von Theodor Reisners zwei Söhnen ließ einer sich als selbständiger Schneider im Gebiet der Stettin er Konfektionsindustrie nieder, einer begründete in Danzig eine Treibriemenfabrik. Von Jacob Reisners zwei Söhnen siedelte einer als Manufakturwarenhändler nach dem benachbarten Herzfelde über, einersetzte in Seelow den väterlichen Produktenaufkauf fort. Daß diese neue Wanderungswelle nicht auf die eine Familie beschränkt blieb, geht daraus hervor, daß die jüdische Gemeinde Seelow bis zum Jahre 1894 auf vierzehn Steuerzahler zusammengeschrumpft war, von denen elf Familien am Ort selbst, drei außerhalb lebten. Unter der Vorsteherschaft Theodor Reisners wurde daher die Religionsgemeinde im Jahre 1895 mit der benachbarten Gemeinde Letschin im Oderbruch vereinigt. Auf diese Weise ergänzten sich vorübergehend wieder zweiundzwanzig Familien in der Aufbringung der Kultuslasten für Lehrer, Synagoge und Friedhof. Die jüdische Abwanderung hielt gleichwohl an. - Im Jahre 1901 war die Zahl der Lastenträger von Seelow-Letschin zusammen wieder auf vierzehn gesunken. Der Ausgang der jüdischen Gemeinde Seelow seit Kriegsende unterscheidet sich in nichts von dem Schicksal der grenzmärkischen Gemeinden. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts und Vermögensträgerin besteht die Gemeinde fort. Sie ist Eigentümerin des Friedhofs. Die Synagoge mußte im Jahre 1934 wegen 291