Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Auswanderung
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 290 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895574-2907595--10103-2907641- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hanns Reißner Diese geistige Tradition ihrer Jugend nahmen die Enkel an ihre neuen Wohnsitze mit. Doch ist die Erinnerung daran in der dünneren jüdisch-geistigen Atmosphäre der Mittelmark nach und nach verblaßt. Die schon angeführte Synagogenordnung der jüdischen Gemeinde Seelow vom Jahre 1858 versuchte, den verloren gehenden Sinnzusammenhang zu bewahren, indem sie als Einleitung den folgenden Appell an die Gemeindemitglieder richtete: „Nicht alles ist so in unserer kleinen Gemeinde, wie es sein sollte, und wie es bei unseren Vorfahren, den wahrhaft frommen und gottesfurchtigen Israeliten gewesen. . . Wir bitten Euch daher, geliebte Gemeindemitglieder, wollet die nachstehenden Bestimmungen Euch genau merken und sie beobachten. Kommet in deren Befolgung einander, freundlich zu Hilfe und seid einmütig darauf bedacht, durch würdiges Verhalten in der Synagoge dem gemeinsamen Gottesdienste die echte Weihe zu geben, eine Weihe, die nur erreicht werden kann, wenn jeder Synagogenbesucher mit freudigem Herzen jenes erste und letzte Gesetz: 'Wisse, vor wem du stehsf, streng erfüllt." Aber so gut auch die Ermahnung gemeint war — die Lebensumstände selbst hemmten ihre Verwirklichung. Dieses Wissen nämlich gedeiht am besten da, wo ein reger Austausch vieler Geister statthaben kann, also etwa in der Zeit und an den Orten, aus denen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Seelow hergekommen waren. Hier in der Vereinzelung verwandelte es sich im besten Falle in gläubige Haltung, in ein nicht mehr voll bewußtes, gelegentlich bereits an Aberglauben gemutendes Gefühl. So berichten von Mann Marcus Reisner seine Kinder, er sei in entscheidenden Augenblicken seines Lebens nach Seelow ins Gotteshaus gegangen und habe dort gebetet, bis der Geist seines Großvaters, des Rabbiners Mordechai, zu ihm gesprochen und ihm seine Weisungen gegeben habe. Welch Abgleiten von der Lebensführung eines Mannes, der seine Schüler den babylonischen Talmud an Hand der Jad hachasaka des Maimonides verstehen lehrte und der Krankheiten und ihre Heilung exakt beobachtete und beschrieb, führt bis zu der magischen Wirkung, die er auf seine Nachgeborenen übte und die die Klarheit seines Geistes gewiß nicht hätte durchgehen lassen! Wenn der Absturz in die Welt des Gefühls nicht so bald das Bodenlose streifte, so war dies der Anziehungskraft eines neuen geistigen Lichts zu danken, das mit seinen Strahlen auch den Lebenskreis jener grenzmärkischen Juden am Rande des Oderbruches zu erhellen und zu erwärmen begann. Es war der Geist des zeitgenössischen philosophischen Idealismus, der auch ihnen neue Begriffe für alte Verhaltungsweisen eingab. Im Schluß der schon zitierten Einleitung zur Synagogenordnung von Seelow kündigt er sich in den Worten an: „. . . daß wir alle sammt in 290