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Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 292

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Auswanderung
Date
1937-10-01
Page
292 (sequence 6)
Language
German
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Hanns Reißner: Auswanderung — hundert Jahre später Baufälligkeit niedergerissen werden. Gottesdienste waren darin schon seit Jahren nicht mehr abgehalten worden. Eine Thorarolle und einige silberne Kultusgeräte sind noch am Ort in Verwahrung. Der Sohn des Jacob Reisner, nunmehr „Vorstand" der jüdischen Gemeinde, und zwei seiner verheirateten Schwestern, die wirtschaftlich von ihm abhängen, bilden den überbliebenen Bestand an jüdischen Familien. Die hohen Feiertage verbringen sie in einem Betsaal in Berlin. An Jahrzeittagen beten sie in einer Berliner Gemeindesynagoge. Die Kinder erhielten Religionsunterricht bei dem Kantor in Frankfurt a. d. O., die Söhne wurden dort Barmizwa. In den letzten Jahren folgten die Kinder den Einladungen der jüdischen Gemeinde Berlin, die Feiertage im Kreise von Gleichaltrigen in der Reichshauptstadt zu verbringen. Auch im inneren menschlichen Bereich stand die einmal begonnene Bewegung nicht still. Was in der Synagogenordnung von Seelow noch wie das erste Ahnen einer neuen Zeit anmutete, erfüllte die Lebensluft in den gesicherten Behausungen der Kinder. Von siebzehn Enkelsöhnen des Mann Marcus Reisner wählten sieben akademische, einer einen künstlerischen Beruf, sieben gingen nach Berlin, einer nach Übersee. Die gesellschaftlichen Beziehungen breiteten sich immer weiter aus. Sie. führten von der Zugehörigkeit zur Seelower Schützengilde über die Mitbegründung des Theaters in Guben bis zum Eintritt in jüdische schlagende und in paritätische Verbindungen. Und auch eine gewisse Rückbewegung wird bereits sichtbar: ein Urenkel hatte frühzeitig den Zugang zum zionistischen Wanderbund „Blau- Weiß" gefunden, ein anderer schloß sich als Akademiker der Misrachibewegung an. Vor dem Weltkrieg war ein Enkelsohn des Mann Marcus Reisner als Ingenieur nach Brasilien gegangen, eine Enkeltochter hatte nach England geheiratet. Nach dem Krieg waren zwei Urenkel nach den Vereinigten Staaten ausgewandert. Seit der nationalsozialistischen Erhebung verstärkte sich die Wanderbewegung über die Grenzen des Deutschen Reichs, und die ersten Nachkommen des Mann Marcus Reisner, darunter die beiden oben erwähnten Altzionisten, übersiedelten nach Palästina. Und ebenso wie der räumliche Familienzusammenhang lockerte sich auch die Bindung ans Judentum. Den äußersten Schritt, die völlige Trennung von ihm, vollzogen von fünfzig heranwachsenden Urenkeln des Mann Marcus Reisner fünfzehn. Eine Urenkelin jedoch, ein Mischling ersten Grades, die evangelisch getauft gewesen war, ist im Juli 1937 wieder zum Judentum zurückgekehrt; sie hat vor der Auswanderung nach Südamerika einen jüdischen jungen Mann geheiratet. Von Theodor Reisners vier Enkelkindern sind zwei nichtjüdisch. Von seinen bisher geborenen vier Urenkeln hat einer bereits einen jüdischen Bluts- 292

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