Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Auswanderung
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 289 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Auswanderung — hundert Jahre später Übersiedlung heiratete er ein junges Mädchen aus Neustadt. Sein ältester Sohn erblickte 1838 bereits in Platkow das Licht der Welt. Diesem folgten sieben weitere Kinder. Sechsunddreißig Jahre hindurch, von 1836 bis 1872, betrieb Mann Marcus Reisner in Platkow sein Schnittwarengeschäft. Seine Familie war und blieb die einzige jüdische Familie im Dorf. Als sich die jüdische Gemeinde Seelow im Jahre 1841 die ersten Statuten gab, eröffnete er die Reihe der Unterzeichner. Insgesamt schrieben sich 17 Steuerzahler ein. Eine einschneidende organisatorische Schwierigkeit für die junge Religionsgemeinde bildete die Tatsache, daß von ihren verhältnismäßig wenigen Mitgliedern nur ein Teil in der Stadt Seelow selbst, der andre Teil über die Dörfer verstreut wohnte. Auch die nachmalige gedruckte Synagogenordnung der jüdischen Gemeinde Seelow vom Jahre 1858 mußte der Schwierigkeit Rechnung tragen, daß selbst an den Sonnabenden nicht immer der religionsgesetzlich vorgeschriebene Minjan anwesend war. Bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts hinein wuchs die jüdische Gemeinde Seelow langsam durch Zuwanderung aus der Grenzmark. In dem Jahrzehnt zwischen 1859 und 1869 erreichte sie mit fünfundzwanzig Steuerzahlern ihre größte Seelenzahl. Von ihr wohnten anfangs zwölf, später fünfzehn in der Stadt Seelow, der Rest in den umliegenden Dörfern. Bis auf einen waren, alle fünfundzwanzig Steuerzahler Kaufleute und Händler; der letzte wurde als Chemiker geführt. Ferner gab es in Seelow einen jüdischen Kultusbeamten, der die Funktionen des Lehrers und Kantors ausfüllte. Unter den Anziehungskräften, die diese Menschen herbeiführten, war eine der stärksten der Famiiienzusammenhang. Auf Mann Marcus Reisner, der der älteste seiner Generation gewesen war, folgten aus Neustadt nach Seelow im Jahre 1865 sein Vetter Theodor Reisner, im Jahre 1870 dessen Bruder Jacob Reisner. Beide betätigten sich im Ankauf von Produkten. Wie aber hatte neben dieser kleinen neuen Welt im Aufstieg die kleine alte Welt ausgesehen, die man verließ? Neustadt bei Pinne besaß, als Mann Marcus Reisner von dort fortging, eine geschlossene jüdische Gemeinde von etwa 800 Seelen. Mann Marcus Reisners Vorfahren im Mannesstamm hatten seit über 100 Jahren der Gemeinde ihre Rabbiner gestellt. Sie besaßen einen Jichusbrief über ihre Herkunft vom Maharschal, der im 16. Jahrhundert den Ruhm der Gemeinde Lublin begründet hatte, und darüber hinaus sogar von Raschi. Es kamen Schüler zu ihnen nach Neustadt, deren Niederschriften noch erhalten sind. Mann Marcus7 Großvater hinterließ neben rabbinischen Abhandlungen Manuskripte mit Rezepten zur Heilung von Kinderkrankheiten. 289