Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Auswanderung
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 288 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißner miliennamens nachwies. Er mußte ferner in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen leben, — z. B. ein Kapital von mindestens 5000 Talern haben — oder aber sich durch patriotische Handlungen ein besonderes Verdienst erworben haben. Wer ein solches Naturalisations-Patent besaß, durfte mit Genehmigung der Preußischen Regierung in eine der preußischen Stammprovinzen übersiedeln. Mann Marcus Rleisner begründete sein Gesuch damit, daß er beabsichtige, in das Dorf Platkow bei Seelow zu verziehen. Der Drang zur Übersiedlung erwuchs einerseits aus dem Druck der Verhältnisse in der Grenzmark, zum anderen ergab er sich aus der Anziehungskraft der Lebensumstände im mittleren Norddeutschland. Die Juden in den Posener Landstädten waren Kleingewerbetreibende und ländliche Händler. Ihre Kopfzahl nahm dank der Geburtenfreudigkeit und der Besserung der Gesundheitsverhältnisse dauernd zu, Ausdehnungsmöglichkeiten am Ort aber waren kaum vorhanden. Die Verbindung zwischen Grenzmark und Mitteldeutschland war durch Raum und Wirtschaft vorgeschrieben. Sie war örtlich bedingt durch die Richtung der Flußtäler von Osten nach Westen und ihr entsprach auch der Austausch, der auf den ostdeutschen Messen zwischen dem Agrarüberschuß der polnischen Westmarken und dem Gewerbefleiß Mitteldeutschlands statt hatte. Mann Marcus Reisner war in den Jahren zuvor bereits regelmäßig zum Einkauf ins Brandenburgische gereist. Diese Berufsreisen waren schon von seinem Vater und dessen Brüdern als so charakteristisch empfunden, daß sie sie der Wahl ihres deutschen Familiennamens, Reisner, zugrunde legten. Mann Marcus hatte auf ihnen Gelegenheit gehabt, die Verhältnisse des von ihm beantragten neuen Wohnorts näher kennen zu lernen. Seelow, in dessen Nähe er sich ansiedeln wollte, ist die Hauptstadt des Kreises Lebus. Es ist an der alten Landstraße gelegen, die von Berlin über Küstrin und Schneidemühl nach Königsberg führt. Der Charakter der Gegend war damals wie heute durchaus ländlich, nennenswerte Industrie fehlte. Die jüdische Gemeinde daselbst war gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts entstanden. Das älteste Grab auf dem Friedhof ist vom Jjar 5560 datiert, also genau 1800 errichtet. Im Jahre 1812 erhielten dort zehn jüdische Familien das preußische Staatsbürgerrecht. In den dreißiger Jahren setzte eine stärkere Zuwanderung von Juden dorthin ein. Nachdem die Regierung Mann Marcus Reisner die von der jüdischen Gemeinde befürwortete Naturalisation erteilt hatte, schloß er am 3. April 1836 mit den Verwaltungsbeamten der jüdischen Gemeinde Neustadt einen Auseinandersetzungsvertrag über die Zahlung von 45 Talern Abzugsgeld, wodurch der künftige Ausfall seiner Steuerleistung abgegolten sein sollte. Noch vor der 288