Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Zum Glaubensproblem in der Gegenwart
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 286 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Berthold Weinberg: Zum Glaubensproblem der Gegenwart von Einrichtungen und Freunden, kurz alles Kollektive ist von ihm abgefallen. Er steht allein gegen ein unbegreifliches und erbarmungsloses Geschehen. An dieses selbst wendet sich, da er niemanden sonst hat, sein Lebenswille. Er zwingt die Partnerschaft des Universums herbei, setzt es zu sich in Beziehung, macht es anredefähig, und die Lippen dieses Menschen formen (vielleicht zum ersten Male) mit ehrfürchtigem Schauder das Wort: Gott. So etwa mag Heine aus der Matratzengruft Gott herbeigerufen haben; eine Rückkehr zum Glauben an eine göttliche Ordnung war es nicht. Menschen, die, wie die Juden in Deutschland, von einem Massenschicksal betroffen werden, stehen nicht in einer individuellen Grenzlage kreatürlichen Verlassenseins, sondern in einer kollektiven Not, die in der kollektiven Sphäre aufgefangen und abgewickelt wird. Darum ist es verfehlt, wie Schoeps es tut, angesichts eines Massenschicksals von einer personalen Problematik auszugehen. Die Personalität ist hier eine Fiktion. Die kollektiven Bindungen sind entscheidend. Die aus solcher Bindung Herausgetretenen sind gemeinhin indifferente Privatmenschen. _ Diejenigen, die sich ringend einen über das Kollektive erhabenen Standort erarbeitet haben, sind Ausnahmemenschen und wahre Weltbürger. Bei ihnen besteht vielleicht am wenigsten Erlösungsproblematik, weil sie das Menschliche als das Zentrale in sich stabilisiert haben und der Beziehung zum Göttlichen vielleicht nur bedürfen, um die. Hoffnung auf einen Weltfortschritt zum Guten zu fundieren. Fassen wir zum Schluß, illusionslos an der geschichtlichen Wirklichkeit orientiert, die Situation des jüdischen Menschen und sein Verhältnis zum Judentum ins Auge. Ein echter religiöser Umbruch ist nicht eingetreten. Aber festzustellen bleibt auf weiten Strecken eine Hinwendung zur jüdischen Tradition, zur Lehre und zum Brauchtum. Auch sie bedeutet nichts anderes, als daß Leid und Vereinsamung in einer heimatlichen Gemeinschaftssphäre aufgefangen werden. Judentum wird bewußi oder unbewußt als eigenständige geschichtliche Lebenssubstanz begriffen, wobei es im Grunde gleichgültig ist, ob das nationale oder religiöse Element stärker betont wird. Nicht die Religion oder eine weltliche Nationalität ist heute die Heimat des Juden, sondern das Judentum als geschichtlicher Gesamtbestand mit all dem, was ihm auf seinen Weg durch die Jahrtausende zugeflossen ist. Man frage nur einen einfachen jüdischen Menschen, was ihm das Judentum bedeutet, und man wird bei ihm Stolz finden auf die wunderbare Erhaltung und auf alles Große, was das Judentum hervorgebracht hat, ohne daß er sich auf religiöse oder nationale Lehren festlegte. In ihm lebt ein jüdisches Adels- oder, unpathetisch gesprochen, ein jüdisches 286