Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Zum Glaubensproblem in der Gegenwart
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 287 (sequence 6)
- Language
- German
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Hanns Reißner: Auswanderung — hundert Jahre später Substanzbewußtsein. Das jüdische Substanzbewußtsein vollbringt etwas Wunderbares: es bindet die Menschen an die Gemeinschaft und macht sie zugleich, weil es nicht von Mächt und Organisation abhängt, zu Individuen. Hier liegt das jüdische Existenzgesetz beschlossen. Nur deswegen entgehen die Juden dem Schicksal der Kollektiva, der Unentrinnbarkeit weltpolitischer Abläufe. Diejenigen, die sich von der jüdischen Überlieferung entfernen, wissen zumeist nicht, daß sie in ihrem Judesein deren Nutznießer sind. Denn ohne die Überlieferung gäbe es kein jüdisches Bewußtsein, das auch ohne eine zeitlich begrenzte nationale Form die Menschen weiterträgt und den Kern jüdischer Existenz ausmacht: geschichtsloses Fortdauern innerhalb des Geschichtlichen. Hanns Reißner: Aaswanderung — hundert Jahre später Auswanderungsbedürfnis und Einwanderungsbeschränkungen, Voraufgehen Einzelner und Nachfolgen der Angehörigen, Erwerbung von Sprachkenntnissen, steuerliche Abschlußzahlungen und dergleichen mehr bestimmen heute wieder den Umkreis unserer täglichen Überlegungen. Wieder! Wir haben vergessen, daß auch unsere Vorfahren vielfach vor ähnlichen Überlegungen und Entscheidungen gestanden haben. Selbst wenn sie nicht von Kontinent zu Kontinent wanderten, sondern oft nur von Provinz zu Provinz ihre Wohnsitze verlegten, so lassen sich ihre Unternehmungen doch fast in jedem Punkte mit den unseren vergleichen. Vielleicht sogar war die durch Wanderung vollzogene Trennung damals noch gewaltsamer und endgültiger als heute. Sie wurde nicht durch Kabel und Flugzeug überbrückt. In jedem Falle aber ist die Parallele stark genug, um uns zu reizen, dem Schicksal einer solchen Familienwanderung vor hundert Jahren nachzuspüren. Die vielen Einzelzüge, die uns an eigenes Erleben erinnern, schaffen eine neue unmittelbare Beziehung zu jenen Ergebnissen, die über das äußere Geschehen hinweg in tiefste Lebens- und Glaubensfragen hineinweist. Am 22. Juli 1835 reichte der fünfundzwanzigjährige Schnittwarenhändler Mann Marcus Reisner bei der Jüdischen Gemeinde seines Geburtsortes Neustadt bei Pinne in der preußischen Provinz Posen den Antrag auf Befürwortung seiner Naturalisation ein. Ein solches Naturalisations-Patent konnte der Posener Jude beantragen, wenn er seine Unbescholtenheit und seine Kenntnis der deutschen Sprache sowie die Annahme eines festen Fa- 287