Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Zum Glaubensproblem in der Gegenwart
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 285 (sequence 4)
- Language
- German
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Zum Glaubensproblem der Gegenwart Glauben im metaphysischen Sinn nur bedingt die Rede. Es ist deshalb verfehlt, wenn man, wie Schoeps es tut, aus der engen Bindung des Einzelnen an sein Kollektiv die Glaubensfähigkeit folgern würde. Schoeps stellt es so dar, als sei die Glaubensfähigkeit an sich vorhanden, nur seien die Glaubensobjekte, die modernen Kollektivismen, autonome Selbstverlängerungen des glaubenden Subjekts, hingegen sei die biblisch orientierte Gläubigkeit heteronom, außerhalb des menschlichen Ichs stehend; und den Befehl und die Lenkung einer heteronomen Gottheit könne der moderne Mensch nicht mehr ertragen. Hier wird Unvergleichbares verglichen. Das Gebanntsein des Menschen an irdische Mächte und Bewegungen hat mit Glauben im metaphysischen Sinne nichts zu tun. Es ist die aus dem Kollektiv entnommene Substanzanreicherung von Menschen, die sich selbst als Individuen nichts bedeuten. Darum trifft man das Glaubensproblem nicht, wenn man von dem Verhältnis des Einzelnen zu seinem kollektiven Verband ausgeht Wesentlich ist vielmehr das Verhältnis des Einzelnen zum Universum. Dazu ist zu sagen, daß der Mensch, sofern er das Universum überhaupt erlebt, es als das — übrigens heteronome — Lebendige schlechthin, als Kampf von Kräften begreift und damit allein noch nicht einer göttlichen Planung zukunftsgläubig inne wird. Hinter dem irdischen Geschehen einen göttlichen Weltplan zu finden, bedeutet ein Hinwegsehen über den geschichtlichen Augenblick in eine visionäre Zukunft hinein und heißt alles Leiden und Kämpfen hinnehmen als unerforschlicheri göttlichen Ratschluß. Es ist die Entwertung und Relativierung des Geschichtlichen von einem göttlichen Plan her. Demgemäß findet sich die ungebrochene Kraft zum Glauben an die göttliche Weltlenkung in der nachbiblischen Zeit vorwiegend in geschichtslosen Daseinsformen. So etwa ist das Judentum bei dem Messiasrausch zur Zeit des Sabbatai Zwi subjektiv aus dem konkreten Geschichtsablauf herausgetreten und glaubte an das Wunder der Erlösung. Auch das Ghetto war in seiner Seelenhaltung eine geschichtslose Daseinsform, Station ewigen Leides mit dem Glauben an die Erlösung inmitten und vermöge einer göttlichen Ordnung. Etwas ganz anderes als solcher Glaube, solches Eingegliedertsein in ein alles Irdische überwölbendes überzeitliches Kollektivum ist die Suche eines verlassenen, ausweglosen, verzweifelten Herzens nach einer höchsten Macht, die ihm den Weg zur Rettung zeigen soll. Hier befindet sich der Mensch, wie etwa bei Naturkatastrophen, in einem Zustand kreatürlichen Alleinseins. Alle Sicherheit des gewohnten Lebens, alles Ordnende und Helfende 285