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Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 284

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Zum Glaubensproblem in der Gegenwart
Date
1937-10-01
Page
284 (sequence 3)
Language
German
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Bertkold Weinberg kommt beim Judentum wohl am tiefsten und reinsten im Buche Hiob zum Ausdruck. Bei allem unbegreiflichen Leiden weiß Hiob sich im Göttlichen geborgen und verläßt es nicht. Die Zugehörigkeit zur göttlichen Heimat ist noch nicht durch das volkhafte Judesein des Einzelnen gegeben, vielmehr wird der Mensch in die göttliche Ordnung sinnfällig einbezogen durch Teilnahme am Bekenntnis und an kultischen Handlungen. Aber auch beim Judentum ist festzustellen, daß sich dieser religiöse Kollektivbestand der Tradition, zumal er sich innig mit nationalen Elementen der jüdischen Volksgeschichte mischt, verselbständigt hat und die echte Gottesbezogenheit geschwächt oder nicht vorhanden ist. Hieran fehlt es besonders in unserer Zeit. Es ist nicht die absorbierende Kraft der irdischen Kollektivmächte allein, die den Weg zur Gottesordnung versperrt. Fraglos ist heute die Beziehung des Menschen zum Universum überhaupt geschwächt. Aber soweit sie noch vorhanden ist und geweckt werden könnte, hat sie ein anderes, ungöttliches Gesicht, das durch das moderne Weltbewußtsein geformt ist. Gemeint ist die Verselbständigung und Säkularisierung des Universums in einem langen geistesgeschichtlichen Prozeß, an dem Spinoza, Hegel und Nietzsche entscheidend beteiligt sind. Die Welt wird als ein in sich zentriertes, nach immanenten Gesetzen bewegtes Sein ohne einen höheren Zweck und höhere Lenkung begriffen. Bei Spinoza als jeder Definition entzogenes substantielles Sein, bei Hegel als ein sich aus sich selber entwickelnder Weltgeist, bei Nietzsche als ein vom Willen zur Macht getragenes Ringen von Krafteinheiten, wobei Nietzsche mit der Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen einen tragisch-heroischen Akzent hinzugefügt hat. Wesentlich ist, daß man, wie etwa Nietzsche sagt, die Tat hinnimmt und die Suche nach dem Täter aufgibt. Man könnte das moderne Weltbewußtsein naiver und unphilosophisch dahin formulieren, daß das Geschichtliche an sich, das Werden und Vergehen der Mächte und Bewegungen, ihr Mit-, Neben- und Gegeneinander als das absolute Sein begriffen wird, das sinn- und zwecklos abläuft und keinen Plan und keine Lenkung über sich hat. Inmitten dieses Getümmels lebt der Mensch, alles bewußte Kämpfen, Leiden und In-der-Welt-Sein steht unter tragisch-heroischem Aspekt. Seine Zuflucht und Heimat ist allein der ihm von Natur zugewiesene Verband, in dem er sich geborgen fühlt, der die Tragik abfängt, Kampf und Leid sinnvoll macht und sein Leben mit Wert erfüllt. Für das Verhältnis zum Göttlichen bedeutet dieser Sachverhalt, daß es ein Glaubenkönnen in der kollektiven Sphäre, in die der Mensch gebannt ist, nicht gibt. Das ist das Entscheidende. Bei dem Verhältnis zum kollektiven Verband ist vom 284

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