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Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 279

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Das Ende der Bünde
Date
1937-10-01
Page
279 (sequence 7)
Language
German
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Das Ende der Bünde Mit der Bedeutungslosigkeit der Freizeit zugleich geht weithin der Sinn für Werte verloren. Es ist diesen jungen Menschen nicht mehr klar, wofür sie sich aufsparen sollen. Ihr Glaube an den Sinn des Morgen ist gebrochen. Man muß heute tun, was man nur tun kann, vielleicht wird man morgen keine Gelegenheit mehr dazu haben. Man muß alles kennen lernen, Erfahrungen sammeln, man wird sie brauchen können. Es ist dies eine Stimmung, die vielleicht mit der der Inflationszeit zu vergleichen wäre, wenn ihr nicht eine viel ausgeprägtere Gleichgültigkeit anhaften würde als jener. Die Inflations-Jugend wollte genießen um jeden Preis, sie war von einem rauschharten Taumel erfaßt. Dieser Generation aber ist selbst der Taumel nicht mehr gegeben. Genieße, wenn du kannst, heißt ihre Devise, kannst du es nicht, so lasse es eben bleiben. In dem Lebensgefühl dieser Menschen lockern sich die Ordnungen, relativiert sich der Rang der Werte. Man weiß nichts mehr davon, daß es das Geschenk der Reifezeit ist, den göttlichen Funken zu empfangen, an dem sich einmal das Feuer entzünden soll, das das ganze Leben des Menschen hindurch brennen muß. Man facht die Flamme nicht an, man läßt sie verschwelen. Ein äußeres und ein inneres Zeichen kennzeichnen den Zustand: Die Menschen zwischen vierzehn und achtzehn sind nur schwer in ihrem Alter zu unterscheiden. Man sieht einem großen Teil von ihnen die Zahl ihrer Lebensjahre nicht mehr an. Und ein Beispiel für die Anarchie der Wertewelt liegt in der Antwort, die ein Sechzehnjähriger auf eine Rundfrage gab, welche Musik auf einem Abend des Jugendamtes gespielt werden solle. Er gab an: „Carmen, Kol Nidre, die Czardasfürstin." Von den 20 anwesenden gleichaltrigen Jungen und Mädel widersprach niemand. Der Kreis dieser verhängnisvollen Entwicklung schließt sich damit, daß auch die letzte Möglichkeit, Jugend zur Konfliktsituation werden zu lassen, nicht mehr gegeben ist. Diese Jugend gerät nämlich nicht mehr in einen Konflikt zur älteren Generation, der sie zur Abwehr oder zum Widerstand aufriefe. In allem scheint der Jugendliche mit der Umwelt konform zu gehen. Das Bewußtsein von seiner zwischenzeitlichen Existenz deckt sich durchaus mit dem Bewußtsein aller jüdischen Menschen vom Zwischenzustand, vom zwischenzeitlichen und zwischenräumlichen Leben, vom Leben auf Abruf. Wer denkt noch daran, daß die Ufer, die das „Zwischen" begrenzen, doch ganz andere sind, da sich ja seine Charakteristika so gleichen: die Skepsis, die Resignation, die „laissez faire, laissez aller"-Stimmung. Gewiß, mancher Erwachsene sieht mit Erschrecken die „Verdummung" — wie er es nennt — der Jugendlichen. Aber sofort melden sich bei ihm auch die Zweifel, ob es nicht ohne Lessing und Kleist, ohne Wissen von griechischer und ägyptischer Kultur 279

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