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Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 278

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Das Ende der Bünde
Date
1937-10-01
Page
278 (sequence 6)
Language
German
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Günter Friedländer es wurde nur dann verhängnisvoll, wenn sich Menschen auch nach der Reifezeit daran festklammerten. Es bewahrte den Jugendlichen vor der größten Gefahr des jungen Menschen, die für jüdische Jugendliche doppelt bedrohlich ist: vor dem zu frühen Altwerden. Die heutige jüdische Jugend hat kein Jugendland mehr. Gerade sein Fehlen aber zeigt klarer denn je die Unersetzlichkeit jugendgemäßen Lebens. Das Erleben der jetzt Jungen hat sich grundlegend geändert. Wollte man diese Änderung schlagwortartig kennzeichnen, so könnte man sagen, daß ihr Erlebnis ein solches „aus zweiter Hand" geworden ist. Es ist nicht mehr ursprünglich und eigen und kann deshalb auch nicht mehr die große, Spannungen erzeugende und lösende Wirkung ausüben, die von dem Erleben der Reifezeit früher ausging. Unter den „Erlebnissen aus zweiter Hand" ist zu verstehen, daß ein großer Teil von ihnen nur nach-, nicht neuerlebt wird. Wie wenig ist Jugendlichen z. B., wenn sie Musik lieben, noch die faszinierende Wirkung eines Konzertsaales bekannt, Musik wird durch Rundfunk und Grammophon gehört. Sie wird vielleicht besser gehört auf diese Weise und doch nicht so eindrucksvoll erlebt; denn für den, der Konzertstimmung nie kannte, hat Musikerleben durch Rundfunk oder Grammophon etwas Schales, um so mehr, als kaum ein Jugendlicher die unmittelbare Beziehung zur Musik besitzt, die das eigene Musizieren vermittelt. Die eigentlich bündischen Erlebnisse aber sind noch durch äußere und innere Wandlungen unmöglich geworden. Man erzählt sich nur noch davon („Betrieb machen" nennt man das in den Bünden), man erzählt gut, zu gut sogar und erweckt in den Menschen die Sehnsucht, auch solch ein Leben zu führen. Aber diese Sehnsucht wird nicht mehr erfüllt. Besonders empfindlich und in seinen Auswirkungen noch gar nicht übersehbar macht sich dieser Mangel an jugendgemäßem Erleben im Sexuellen bemerkbar. Im Leben des Jugendlichen, der nicht weiß, was er mit seiner Freizeit beginnen soll, spielen Eisdiele und Kino eine beherrschende Rolle. Im Kino werden an die oft erst Dreizehn- und Vierzehnjährigen Probleme herangetragen, die nicht die ihren sind. Aber sie sehen sie und nehmen sie auf, und werden viel zu früh auf sie hingewiesen. Der größte Teil der Jugendlichen hat seine ersten sexuellen Erlebnisse zu einer Zeit, da er nicht reif für sie ist und sie auch gar nicht suchen würde, hätte er nicht so viel Zeit, mit der er nichts anfangen kann! So wird die chancenreiche Konfliktsituation der Pubertät zur vorzeitigen, unechten Lösung gebracht, bevor sie sich noch recht entfalten konnte. Die Kräfte, die sie unter günstigeren Umständen freimachen kann und die zumeist dem künftigen Leben seine Richtung geben, werden sinnlos verbraucht. 278

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