Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Das Ende der Bünde
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Günter Friedländer lieh und sogar berechtigt, denn trotz aller Jugendbewegtheit mußten selbst die Radikalsten sehen, daß es Aufgaben für die Bünde zu lösen gab, die man ohne bedenklichen Mehraufwand an Arbeit allein nie hätte lösen können. Aber in der nun folgenden Entwicklung erlagen nur allzu viele fähige Jugendführer den mit der neuen Entwicklung verbundenen Versuchungen. Nach innen — also zum Bund — mußte man sich aus den aufgezeigten psychologischen Notwendigkeiten jugendbewegt, nach außen — also zur Umwelt der Erwachsenen — politisch gebärden. Die kollektive Spannung zwischen dem Aktivismus, der zum politischen Einsatz hätte drängen müssen, und der trotzdem geübten Enthaltsamkeit von jedem politischen Einsatz, die früher in fruchtbarer Weise im Innenleben der Bünde bestanden und ihr Außenleben beherrscht hatte, wurde nun in den führenden Menschen oft zu einer individuellen, unfruchtbaren Spannung zwischen Innen- und Außenleben. Zu dieser ideelichen Gefährdung der Jugendbewegung gesellte sich die Änderung des soziologischen Aufbaus der jüdischen Bünde. Die Kreise der bürgerlichen Jugend lichteten sich zuerst durch Auswanderung, denn sie wurden am stärksten von ihr erfaßt. Nun aber drängte gerade die kleinbürgerliche Jugend in ihrer Vereinsamung in die Bünde, und die älteren Führer aus der bürgerlichen Jugendbewegung zeigten ihnen mit ihren Maßstäben ihre Wertwelt und suchten nach ihren Erfahrungen ihnen die bündischen Erlebnisse zu vermitteln. Die Möglichkeiten hierfür wurden nun aber fast von Monat zu Monat eingeschränkt und allerlei Ersatz, sprich: „Betrieb", trat an ihre Stelle. Die trotzdem in der Bundesarbeit entstehenden Lücken wurden mit der viel besprochenen Bildungsarbeit ausgefüllt, die häufig — geleitet von jüngeren Menschen, die weder den Stoff beherrschten noch mit den Möglichkeiten der Stoffauswahl genügend vertraut waren — unzulänglich blieb. Aus der Wechselwirkung — Abkehr von der „großen Linie" unter Beibehaltung ihrer Forderung und neuartige soziologische Zusammensetzung der Bünde — ergab sich die neue Situation mit neuen psychologischen Problemen. Sie allein hätte zu der Krise der Bünde geführt, wenn nicht von anderer Seite eine abermalige Verschärfung die unvermeidliche Entwicklung vorwärts getrieben hätte. Durch den Rückgang der jüdischen Studierenden und die Auswanderung gerade der 19—23jährigen Menschen nämlich entstand plötzlich ein Führermangel, der oft jede geregelte Bundesarbeit unmöglich machte. In vielen Bünden müssen 15jährige Menschen die Führung von Gruppen übernehmen; das Durchschnittsalter der Gruppenführer der Bünde dürfte im besten Fall bei 16 Jahren liegen. So junge Menschen ruinieren aber in 276