Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 275

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Das Ende der Bünde
Date
1937-10-01
Page
275 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895574-2907593--10085-2907626
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Ende der Bünde junge jüdische Menschen erfaßte, zum anderen, weil diese dann in allgemeine Organisationen gingen. Die jüdische Jugendbewegung, besonders die nichtzionistische, war im Grunde eine rein bürgerliche, die zionistische allerdings nur, soweit ihre Mitglieder nicht aus ostjüdischen Kreisen kamen. Die leitenden Menschen der Bünde waren Studenten, ihr Denken ihrer Herkunft gemäß meist großbürgerlich bestimmt. Der Umwertung aller Werte, die das Jahr 1933 im Gefolge hatte, konnte auch die geschilderte „jugendbewegte Haltung" nicht entgehen. Tausende neuer Menschen stießen zu den Bünden, die Mitgliederzahlen verdreifachten und vervierfachten sich. Es waren, soweit es sich um Führer handelte, alte Bündler, Blau- Weiße und Kameraden, die ihre Verantwortung zurückrief und die natürlich dort anknüpften, wo sie zu ihrer Zeit einmal aufgehört hatten, nämlich gerade bei jener jugendbewegten Haltung. Und es waren neue Menschen, die zu diesem Zeitpunkt den Idealismus der alten Jugendbewegung zum erstenmal sahen und bejahten. Doch zu diesen psychologisch sehr verständlichen Antrieben stand die Wirklichkeit in schärfstem Widerspruch. In der Wirklichkeit nämlich war kein Platz für jene träumerisch ersehnte Gesamterneuerung. Sie hatte ganz konkrete und reale Forderungen an die Bünde zu stellen, als da waren: Betreuung der Jugendlichen, die durch die wirtschaftlichen Sorgen im Elternhaus keine genügende Erziehung erfuhren, geistig-seelische Vorbereitung auf Berufsumschichtung und Hachscharah, Vorbereitung auf ein Leben in fremden Ländern, Ersatz der bisherigen und jäh abgebrochenen Freundschaften durch kameradschaftlichen Umgang in den Gruppen, langsame Einordnung der „neuen" Juden in den jüdischen Raum, körperliche Ertüchtigung auf Fahrten und beim Sport. Alle diese Forderungen, mit denen der Ernst der Wirklichkeit an die Bünde herantrat, hatten ihre volle Berechtigung. Die Bünde hätten nur wissen müssen, ob sie lediglich ihnen entsprechen und damit zur Jugendpflege werden oder aber ob sie den alten Zielen weiter treu bleiben und damit auf praktische Wirksamkeit weitgehend verzichten wollten. In diesem Falle hätte es ihnen gleich sein können, warum die Eltern — bisher schärfste Gegner der Bünde, die angeblich die Familie zerstörten — plötzlich ihre Kinder zu ihnen schickten; sie hätten die Gründe der Eltern hinnehmen, niemals aber annehmen dürfen. Im anderen Falle wäre eine gründliche Umgestaltung — z. B. Zusammenschluß in einem Zweckverband — erforderlich gewesen. Die Bünde wollten das eine und taten das andere. So ergab sich der Verrat am Prinzip der „großen Linie". Man begab sich zur Lösung der großen praktischen Aufgaben in die Kiellinie der Erwachsenen-Organisationen. Das war verständ- 275

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.