Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 274

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Das Ende der Bünde
Date
1937-10-01
Page
274 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895574-2907593--10084-2907625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Günter Friedländer stehendes Bild der zukünftigen Gesellschaft. Dieses Bild zu verwirklichen, dessen markanteste Züge von der Sehnsucht nach menschlicher Sauberkeit und sozialer Gerechtigkeit geformt waren, wurden Kräfte entwickelt, die direkt ins Leben zielten, allerdings oft ohne den Zugang zu ihm zu finden. Sie erschöpften sich oft nur im politisch unfruchtbaren, menschlich dafür zuweilen sehr fördernden Kleinkampf unter den Bünden selbst. Jenem extremen Aktivismus stand nun aber die Tatsache entgegen, daß es durchaus verpönt war, ihn auf irgendeinem Teilgebiete der Verwirklichung näher zu führen. Man fürchtete, so seine Durchschlagskraft zu zersplittern und das erträumte Gesamtbild zu entstellen. Mit der echt jugendbewegten Forderung des „Alles oder Nichts" machte man jede realpolitische Wirksamkeit im überkommenen Sinne unmöglich. Aus der ungeheuren Sehnsucht nach Erneuerung, die aber nur einer vollkommenen Erneuerung ohne jedes Zugeständnis und ohne jeden Abstrich gelten sollte, und die deshalb trotz allem Aktivismus im politischen Einsatz enthaltsam blieb, erwuchs jene Spannung, die dem Jugendlichen im Grunde gemäß ist. Gefährlich wurde sie erst dann, wenn der Jugendliche sich nicht zur gegebenen Zeit aus ihr befreien konnte, wenn er, statt zu erkennen, daß Spannungen nach Ausgleich drängen, und, stellt sich kein Ausgleich ein, „überspannt" in des. Wortes ganzer Bedeutung werden, diese Spannungen sein Leben - hindurch erhalten wollte. Die Aufgabe der Bünde war dies: in der Erkenntnis, daß das erträumte und ersehnte „neue Leben" nur von „neuen Menschen" erobert werden konnte, den Bund zum Erziehungsplatz des „neuen Menschen" werden zu lassen. Und das bedeutete: man erhielt die Menschen immer wieder in der aufgezeigten Spannung, um so ihre Spannkraft zu vergrößern, ihr Wissen von der Gesellschaft und deren Leben zu vertiefen, ihren Charakter zu festigen. i;;? I j Auch die jüdischen Bünde haben, indem sie sich zur Jugendbewegung bekannten, dieses Erziehungsprogramm aufgenommen, und ihre pädagogische Situation stand unter grundsätzlich gleichen Gesetzen. Bemerkenswerte Unterschiede hingegen zeigte ihre soziologische Gliederung. Bis 1933 setzten sich die Bünde entweder aus proletarischen oder aus rein bürgerlichen Kreisen zusammen. Dies war verständlich, denn keine Jugend spürte den inneren Verfall, die soziale Ungerechtigkeit und daher auch die Notwendigkeit der Erneuerung so stark wie gerade die proletarische, und keine hatte soviel Zeit, diese Erneuerung theoretisch zu durchdenken wie die bürgerliche. Nicht erfaßt aber wurde die gesamte kleinbürgerliche Jugend. In der jüdischen Jugendbewegung hat es allerdings bewußt proletarische Bünde kaum gegeben. Einmal, weil proletarisches Denken nie viele 274

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.