Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Können wir die Ideenwelt der Vergangenheit verstehen?
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 252 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Cohen Auch die Mathematik, diese scheinbar objektive Methode der Wissenschaft, wurde zu verschiedenen Zeiten verschieden aufgefaßt. Wollte man die Nichteuklidischen Geometrien als Beispiel heranziehen, so müßte man beim Leser ein größeres mathematisches Verständnis voraussetzen. Doch auch der Leser ohne mathematische Schulung wird unschwer begreifen, daß es eine andere mathematische Geisteswelt war, welche die das Verhältnis von_ Kreisumfang zu Durchmesser bestimmende Zahl % mit 3 ansetzte, ohne durch eine kinderleichte Messung festzustellen, daß k mindestens etwas größer sein muß. Aber auf dieser falschen Ansicht beharrten im Altertum die Chinesen und die Babylonier, und auch die Bibel gibt sie an. Als die Pythagoräer feststellten, daß sie die Diagonale im Quadrat nicht durch eine Proportion der Seite ausdrücken konnten, waren sie tief unglücklich und beschlossen, dem „Volk" nichts davon zu erzählen. Der eine, der diese Diskretion durchbrach, wurde laut Legende von den erbosten Göttern ertränkt. Seit Aristoteles' Tagen glaubte die Physik, daß verschieden schwere Körper verschiedene Fallgeschwindigkeiten hätten. Obwohl man jeden Tag sehen mußte, daß dieser Satz falsch ist, galt er bis Galilei. Alle diese Tatsachen darf man nicht leichthin als einzelne Unverständlichkeiten werten; man muß sich vielmehr überlegen, daß weder Einzelne noch Völker mehr sehen als denken können, d.h. daß das Maß dessen, was mitten in der Wirklichkeit gesehen wird, jeweils der Ausdruck einer geistigen Haltung ist. Der Hegeische Ausruf „um so schlimmer für die Tatsachen!", als diese mit seiner Theorie nicht in Einklang zu bringen waren, gibt die Haltung jener auf Geschlossenheit des Denkens mehr als auf Wirklichkeitstreue gerichteten Zeit wieder, die uns fremd und unbegreiflich erscheint. Hat er doch z. B. ohne weiteres behauptet, es könne nicht mehr als sieben Planeten geben! Alles dies mag zeigen, wie gefährlich es ist, unsere Gedanken unbesehen mit denen der Vergangenheit gleichzusetzen. Nicht damit zu verwechseln ist aber die erklärungsuchende und -gebende Geschichtsbetrachtung, die historische Weltanschauung, die uns aus den Tatsachen ein Geschichtsbild und die Erkenntnis der Entwicklungslinien vermittelt, die die bewegenden Kräfte, das Prinzip zu erkennen sucht. Eine historische Weltanschauung schaffen, heißt die bewegenden Kräfte erkennen, die die Menschen mit oder gegen ihren Willen, ja sogar mit oder gegen ihr Bewußtsein getrieben haben und treiben. Die historische Weltanschauung bildet sich a posteriori aufgrund der — soweit das überhaupt möglich ist — objektiv geprüften Tatsachen im Zusammenhang mit ihren Auswirkungen, während das Bilden von Geschichtslegenden von einer a priori feststehenden geistigen Haltung aus erfolgt, heutigen Geist in 252