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Der Morgen · 1937-09-01 · Heft 6 (September 1937) · p. 251

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 6 (September 1937)
Article
Können wir die Ideenwelt der Vergangenheit verstehen?
Date
1937-09-01
Page
251 (sequence 3)
Language
German
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Können wir die Ideenwelt der Vergangenen verstehen? „Nein, nur Nigger!" Wir müssen so etwas zweimal lesen, um es zu verstehen. Mohammed konnte seinen Anhängern erklären, daß die Nichtmohammedaner und Frauen keine Seele haben, also keine vollgültigen Menschen sind, und noch kürzlich hörte man von einem neuentdeckten Urvolk in Siam, dessen Angehörige von den Nachbarn nicht als Menschen angesehen und infolgedessen abgeschossen werden. Nicht nur Begriffe wie „Mensch" sind nach Zeit und Volk wandelbar. Man denke an die „Rache" bei den Arabern, an die „Strafe" in der alten Türkei, die selbst bei Mord mit Geld abgelöst werden konnte wie heute noch teilweise in Albanien. Wie fremd ist z. B. unserem Denken das einer Zeit, in der Seeräuberei und Sklavenjagd als sehr vornehme Berufe angesehen wurden! Wer denkt noch daran, daß Columbus Seeräuber war und daß ein großer Teil des Reichtums der Republiken Venedig und Genua durch Sklavenhandel erworben wurde, daß z. B. Fiesco und sein Gegenspieler Doria Konkurrenten in der Seeräuberei waren? Jeder gibt zwar zu, daß die Begriffe häufig einem Bedeutungswandel unterliegen, aber in bezug auf das Verständnis fremder Geistesäußerungen will man es nicht wahr haben. Aber nicht nur Wörter und Begriffe unterliegen einem Bedeutungswandel, sondern die Denkvoraussetuzngen verschiedener Zeiten sind völlig verschieden. Die in messianischer Erwartung lebenden Menschen haben immer wieder ein bestimmtes Jahr als das der Erlösung errechnet; die Welt mußte zu jener Zeit den Gesalbten erwarten, und obwohl er ausblieb, wurde die Menschheit nicht von kalter Verzweiflung gelähmt. Die Gläubigen blieben gläubig und hofften von neuem. Es wäre eine völlige Verkennung, hier einfach vom „Aberglauben des finsteren Mittelalters" zu sprechen; wir stehen vielmehr vor einer Gedanken- und Empfindungswelt, die wir von uns aus nicht ohne weiteres verstehen können: für jene an sich unzweifelhaften Berichte von Augenzeugen fehlt uns das geeignete Lexikon. Der Scholastik gegenüber, z. B. dem Streit um die Universalien, fragen wir spöttisch, ob diese Leute keine andern Sorgen hatten, als sich den Kopf zu zerbrechen und einander den Schädel blutig zu schlagen, um zu „entscheiden", ob der Blume allgemein oder der einzelnen Nelke die größere Wirklichkeit zukomme. Doch eine Generation vor uns hat noch die Tiefenpsychologie, die Graphologie und die Phrenologie für Mystik erklärt, und wenn die Anzeichen nicht trügen, wird man eines Tages die Telepathie ernst nehmen und wissenschaftlich messen. Wir lächeln über die Alchemisten und bemühen uns, das Atom zu zertrümmern und „Gold zu machen". 251

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