Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Können wir die Ideenwelt der Vergangenheit verstehen?
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 254 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895573-2907505--10041-2907567- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Walter Laaser weisbaren Dinge einhüllt, und so entstehen Geschichtslegenden und falsche Ideologien. Wir können erkennen, welche Gründe die Propheten getrieben haben, warum sie dem Volk verständlich wurden oder unverstanden blieben; wir kennen die Auswirkungen der großen Propheten wie der falschen Messiasse; wir wissen, warum die Alchemisten von der Idee besessen waren, Gold zu machen, aber ihre eigenen Gedanken, ihr tiefstes Denken, ihre Ideenwelt sind uns verschlossen. Die Ideenwelt einer vergangenen Epoche ist vergangen, unwiederbringlich und nicht zu rekonstruieren. Die sachlichen Zusammenhänge, Ursachen, Folgen, die bewegenden Kräfte, das Prinzip der Entwicklung können wir erkennen, die Äußerungen zur Kenntnis nehmen, die Ergebnisse in unser Weitbild einbeziehen, die inneren geistigen Vorgänge aber äußerst selten und wohl immer nur bruchstückhaft begreifen. Walter Laaser: Ußber SdlHft Und Budl Die hebräische Schrift unserer Tage, die sogenannte Quadratschrift, ist schon das Ergebnis einer langen Entwicklung. Die ältesten bekannten hebräischen Schriftdenkmäler sind die Sinaiinschriften aus der Zeit um etwa 1500 vor Christi Geburt. Das hebräische Alphabet der Sinaiinschriften ist die älteste bekannte Buchstabenschrift überhaupt. Sie stammt aus der Zeit unmittelbar vor Moses, und aus Zeit, Ort, Sprache und sonstigen Umständen ergibt sich mit ziemlicher Sicherheit, daß die Israeliten ihre Erfinder waren. Jedenfalls gehörten sie zu den ersten, die die neuerfundene Schrift ausgiebig benutzt haben. Da schon 1500 vor Christi Geburt am Sinai hebräisch geschrieben worden ist, kann man annehmen, daß Moses die Zehn Gebote in dieser ersten Buchstabenschrift den Kindern Israels übergeben hat. Auch diese Schrift führt auf sämtliche bekannten Buchstabenbilder zurück, vielleicht ist sie das sogenannte ursemitische Alphabet. Nach der Eroberung Palästinas geriet Israel unter den Einfluß der hoch entwickelten phönizischen Kultur. Ein großer Teil ihrer Errungenschaften wurde übernommen, darunter auch die ausgeschriebenere Schrift, die die Phönizier infolge ihres ausgebreiteten Handelsverkehrs damals schon aus dem Sinaialphabet entwickelt hatten. Aus der phönizischen Schrift entwickelte sich im Laufe der Zeit der althebräische Duktus. Die Schriftdenkmäler, die diese Entwicklung belegen, sind die Sarkophaginschrift des Königs Achiram aus Byblos aus dem 13.—11. Jahrhundert v. Chr., der jüdische Bauernkalender von Geser aus 900 v. Chr., 254