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Der Morgen · 1937-09-01 · Heft 6 (September 1937) · p. 250

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 6 (September 1937)
Article
Können wir die Ideenwelt der Vergangenheit verstehen?
Date
1937-09-01
Page
250 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Carl Cohen lichkeit der Psyche, die Gleichheit aller Menschen über Raum und Zeit hinweg überwunden war, und in der „der Herren eigner Geist" nicht mehr der allein gültige Geist der Zeiten geheißen wurde. Bekannt sind die Fehlschlüsse, zu denen der Glaube, das Geistesgut der Vergangenheit mit Hilfe modernen Fühlens erklären zu können, auf biblischem Gebiet geführt hat. Die Behauptung, Moses hätte den Juden den Geauß des Schweinefleisches aus hygienischen Gründen verboten, wurde als ausreichende Erklärung für das Ernährungsritual angesehen. Allerdings gerieten die Erklärer, die alles auf Hygiene, Pietät oder Mitleid, also auf Kategorien ihrer Zeit, zurückführten, in Verlegenheit, wenn sie z. B. das Verbot, Leinen und Wolle gleichzeitig zu tragen, begründen sollten. Das talmudische Judentum hat nie versucht, aus der Ideenwelt seiner Zeit heraus die Bibel zu erklären. Niemals werden im Talmud Gründe für die Pflichten oder Verbote oder etwa Erklärungen für prophetische Ausdrücke gesucht. Im Gegenteil, die Bibel war die Richtschnur für die Weiterentwicklung des Denkens und des Gesetzes, die vor sich ging auf den vier verschiedenen Wegen des Ausdeutens1) und den 13 logischen Kategorien des R. Ismael, die ihrer Bedeutung wegen ins tägliche Morgengebet aufgenommen wurden. Die Frage nach dem Warum erledigt der Talmud immer mit dem Hinweis, daß es „geschrieben steht", d. h. er verweist auf die göttliche Autorität der Bibel. Der Talmud maßt sich nicht an, in diese Gedankenwelt einzudringen. Das Verbot, Fleischliches und Milchiges zugleich zu sich zu nehmen, also die Erweiterung des biblischen Verbots, das Böcklein in der Milch der Mutter zu kochen, hat der Talmud gegen die Stimme R. Akibas mit auf Hühnerfleisch bezogen, und zwar lediglich aus formallogischen Gründen, da in einem anderen Zusammenhang Hühnerfleisch dem anderer Tiere koordiniert ist. Es gilt in diesem Fall also allein das Prinzip der formalen Logik. Derartige Überlegungen sind modernen Gedankengängen so fremd, daß eigentlich schon dieses Beispiel genügen müßte, davor zu warnen, unseren Geist in die geistigen Bewegungen der Vergangenheit zu projizieren. Das sichere Verständnis für das, was man früher gemeint hat, geht uns ab: die Worte wandeln sich und mehr noch die Begriffe. Das Wort „Mensch" hat heute einen größeren Bedeutungsspielraum als früher. Mark Twain erzählt in Tom Sawyers Abenteuern, daß Tom, um seine Tante zu erschrecken, vom Untergang eines Dampfers berichtete. Auf die ängstliche Frage, ob auch keine Menschen verunglückt seien, beruhigte er sie:!) Diese vier Wege sind: Einfacher Wortsinn, Andeutung, Auslegung (alte Form der Predigt), Geheimnis (Mystik). 250

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