Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Alvaro Mendez - Herzog von Mytilene
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Sinsheimer dort zugelassen; auf der spanischen Halbinsel waren sie, erst kürzlich eliminiert, Objekte der Verfolgung, des religiösen Abscheues und des politischen Hasses. Sie standen, ohne im englischen Lager stehen zu dürfen, im spanischen Feuer. Eine abstruse Situation, voll von politischer Antinomie und-; menschlicher Paradoxie! Im Osten aber waren die Dinge noch schärfer zugespitzt. Denn hier befanden sich die Juden und Marranen in der preisgegebenen Mitte zwischen Christentum und Mohammedanismus. Die Sultane hatten nach Eroberung Konstantinopels (1553) den Juden aus aller Welt, insbesondere den aus Spanien und Portugal vertriebenen, eine Freistatt und sowohl vollkommene politische Gleichberechtigung wie auch religiöse Toleranz gewährt. Auf der andern, nämlich auf der europäisch-christlichen Seite des Mittelmeers wuchsen die Juden zu großen Gemeinden an: in Venedig, Ferrara, Ancona, Livorno und--Rom. Wohin gehörten sie, wohin neigten sie? Konnte es für die Angehörigen eines Glaubens und eines Stammes eine gefährlichere weltpolitische Situation geben? Fast gaben sie aus sich heraus eine zweite Inquisition: dort waren die Juden die Ungläubigen, hier die . . . Verräter. Alvaro Mendez In Konstantinopel stand damals' in hohem Rang und Ansehen der berühmte portugiesische Jude Josef Mendez-Nassi, den die jüdische Geschichte und Welt als den Herzog von Naxos kennt und als den erfolgreichsten jüdischen Politiker fast der ganzen nachbiblischen Zeit schätzt. Er hat sogar nach glaubhaften Überlieferungen dem Sultan den Rat zum Überfall auf Cypern gegeben — aus Haß gegen Venedig, das ihn und seine Familie vor Jahren nicht eben glimpflich behandelt hatte. Der Glanz, der seine Person und überhaupt seine ganze Familie und Firma umgab, hat eine zweite zeitgenössische politische Persönlichkeit jüdisch-marranischer Herkunft ungebührlich verdunkelt, die des Alvaro Mendez. Wenn wir diesem Manne die ihm gebührende Bedeutung in der Geschichte und Psychologie des Marranentums einzuräumen uns bemühen, so geschieht dies aus der Meinung und Erkenntnis heraus, daß Alvaro Mendez wahrscheinlich das Schicksal und die Entwicklung der portugiesischen „Neuchristen" wesentlich reiner und eindrucksvoller zu vertreten geeignet ist als Josef Mendez-Nassi, in dessen Leben die Abenteuerlichkeit eines Aufstiegs schon dadurch gemildert wird, daß er bereits das Erbe eines großen Vermögens, Einflusses und Ansehens antrat. Mit Alvaro Mendez verhält es sich anders, und wir werden sehen, daß auch sein Aktionsradius als Politiker sich von dem des andern jüdischen Herzogs wesentlich unterscheidet. 244