Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Alvaro Mendez - Herzog von Mytilene
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 243 (sequence 3)
- Language
- German
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Alvaro Mendez — Herzog von Mytilene gestellten Neuchristen echte und schließlich leidenschaftliche Diplomaten, — Menschen, denen das Spiel um Leben und Macht förmlich zur zweiten Natur werden mußte. Sie gingen ins Gefängnis der Inquisition und standen dabei, auch hinter Schloß und Riegel, im Brief- und Geldverkehr mit geistlichen und weltlichen Machthabern in Rom, in den Niederlanden, in der Türkei. Sie segelten im Dienst des Königs nach fremden Küsten und hatten dabei schon ihre eigene Loslösung vom Land des Zwangs und der Verfolgung im Auge. Sie machten — als Offiziere — Kriegszüge mit und bewährten sich als tapfere Patrioten, mußten aber gleichzeitig bedenken, wie sie, wieder nachhause gekommen, ihre Sicherheit gegen die Inquisition verteidigen könnten. Sie investierten große Summen in die kolonialen Expeditionen und Gründungen des portugiesischen Staates, ohne aber vergessen zu können, daß dieser Staat ein Gefängnis nicht nur für sie, sondern auch für ihr Vermögen war. Ja, manche von ihnen schrieben portugiesische Gedichte und Dramen und trugen dabei ihre jüdische Sehnsucht, das Verlangen, dem Gott ihrer Väter dienen zu dürfen, stumm im Herzen. Es war eine unvergleichlich pathetische Situation voller Tragik, in der diese portugiesischen Marranen des sechzehnten Jahrhunderts lebten und unter der sie litten. Die Auswege aus ihr aber führten über die Politik und Diplomatie — beide Worte im weitesten Sinn verstanden. Und so entstand unter ihnen ein politisches Geschlecht, eine politische Schicht mit einer ihnen im Lauf mehrerer Generationen eingeborenen und anerzogenen Leidenschaft und Befähigung zur politischen Tätigkeit. Diese konnte sich nicht in der Begründung von Gemeinden, die allmählich in aller Welt entstanden, erschöpfen. Der eigne Kreis war ein zu enger Rahmen für den elementaren Antrieb und Auftrieb des marranischen Menschenschlags. Auch war das Schicksal dieser Gemeinden von der großen Völker- und Weltpolitik zu abhängig, als daß Kommunalgeist genügt hätte, sie zu erhalten. Also lag geradezu ein Zwang vor, daß sich die Marranen, sobald es ihnen geglückt war, die portugiesischen Grenzen hinter sich zu lassen, in die damalige Weltpolitik einmischten — richtiger: sie wurden durch höheren Zwang in die Weltpolitik eingemischt! Diese aber war absonderlich genug, wenn man sie vom jüdischen Standpunkt betrachtete. Das Machtspiel jenes Jahrhunderts hatte zwei Schauplätze und zwei Generalspannungen. Im Westen ging der Kampf um die Vorherrschaft zwischen dem katholischen Spanien und dem protestantischen England. In beiden Ländern aber durften keine Juden wohnen. Von der britischen Insel waren sie seit 1290 vertrieben und seitdem nicht wieder 243