Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Alvaro Mendez - Herzog von Mytilene
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hennann Sinsheimer Daher kommt es, daß im sechzehnten Jahrhundert das Marranenschicksal vorwiegend von Portugiesen repräsentiert worden ist — in Portugal selbst und in der gesamten damals bekannten Welt. In Portugal haben die „Neuchristen" den Kampf sowohl gegen die Einführung der Inquisition als auch gegen deren Verfolgungen mit beispiellosem Mut und freilich auch mit beispiellosen Mitteln geführt. Dieser Kampf erstreckte sich weit über die portugiesischen Grenzen, schon deshalb, weil zu ihm auch die mit List oder Bestechung geförderte Durchführung der (verbotenen) Auswanderungen gehörte. Aus dem „Neuchristentum" Portugals wurden im sechzehnten Jahrhundert die Marranen- und Judengemeinden nicht nur der westlichen, sondern auch der östlichen Welt mit Menschen und Mitteln gespeist. Die materielle Macht und die ideelle Kraft der portugiesischen heimlichen Juden hat in diesem Jahrhundert die Gemeinden in aller Welt genährt und befestigt. Die Marranenpolitik Der „Portoguese", was damals nichts anderes bedeutete als „heimlicher Jude", war von Hause aus ein Politiker. Diese Rolle spielte er schon im Aufbau des portugiesischen Welt- und Kolonialreiches. Mächtig entweder durch den großen Reichtum, den er sich durch große Handelsunternehmungen erworben hatte, oder aber durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen zum Landes- und Hofadel, mit dem er durch unzählige Heiraten verbunden war, hatte er Einfluß auf den Hof und dessen politische Pläne und fehlte daher bei kaum einer politischen Aktion des aufstrebenden Reichs. Aber fast noch mehr als durch diese offene Befassung mit Politik wurden die diplomatischen Fähigkeiten der heimlichen Juden durch ihre weniger öffentlichen Bemühungen gegen Glaubenszwang, Vermögenskonfiskation und Freiheits- oder Lebensberaubung von Seiten der Inquisition geweckt und geradezu zur Virtuosität gesteigert. Die-Inquisition machte nicht vor Stand und Vermögen halt. Im Gegenteil: wo sich Ungläubigkeit oder auch nur mangelnde Orthodoxie mit Reichtum verband, da warf sie ihr besonderes Augenmerk auf beide, und da hoher Stand und hohes Vermögen meistens in einer Person zusammentrafen, waren die vornehmen, mächtigen Marranen ungleich stärker bedroht als das niedere und arme Volk jüdischer Abstammung, Auch die Gebildeten, zumal wenn sie sich, was meist der Fall war, mit theologischen Studien abgaben, „erfreuten" sich der besonderen Aufmerksamkeit der Glaubensrichter. Mithin machte eine von den Verhältnissen erzwungene Zwiespältigkeit zwischen äußerer und innerer Haltung, zwischen zur Schau getragener und wahrhaft gelebter Gesinnung notwendig aus jenen geistig und politisch hoch- 242