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Der Morgen · 1937-09-01 · Heft 6 (September 1937) · p. 237

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 6 (September 1937)
Article
Ein verlorener Bruderstamm?
Date
1937-09-01
Page
237 (sequence 3)
Language
German
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Ein verlorener Bruderstamm? Der Morgenstern trieb die Menschen aus dem Paradies und blieb als Wache davor stehen. Draußen aber mußten sich die Menschen nun mühsam ihre Nahrung suchen. Die Ähnlichkeit dieser Paradiesgeschichten mit der biblischen Erzählung hat die Kritiker Merkels zunächst vermuten lassen, es handle sich hier um eine Beeinflussung durch christliche Missionare. Dem steht entgegen, daß von Christus und dem eigentlich Christlichen bei den Massai nichts zu finden ist, daß überhaupt, so merkwürdige Parallelen zur Heiligen Schrift auch erscheinen, sich aus der Zeit nach der Gesetzgebung am Sinai nichts Bibelähnliches in der Massaiüberlieferung bemerkbar macht. Vom Lande Kanaan wissen die Massai nur noch weniges: ihre religiöse wie ihre historische Erinnerung reicht also nur in eine Epoche, in der die Südwanderung eines den Juden verwandten Wüstenstammes noch nichts Auffälliges hätte. Von Adams drei Söhnen — in der Bibel Kain, Abel und Set — erzählen die Massai: Naiterogob gebar drei Söhne: den Sindillo, den Nabe und den Sisia. Sindillos Sohn ist Serea, dessen Sohn Schagarda, dessen Sohn Lemanjan. Als Schagarda hochbetagt war, kam ein Nachkomme des Sisia zu ihm. Das war der erste Schmied. Die Ähnlichkeit mit der Bibel ist genau, nur daß dort die Schmiede vom ersten Sohn, von Kain, abstammen, bei den Massai aber vom dritten, von Sisia. Die Schmiede (ol kononi, Mehrzahl el konono) bilden bei den Massai eine tiefstehende Kaste: sie wohnen abseits und gelten als unrein, sie sind die Paria der Massai. Den el konono entsprechen sachlich und sprachlich die Keniter der Bibel, die im Buche Numeri als Nachkommen Kains bezeichnet werden. Aber schon die Tafel der Urväter in der Genesis spricht von Kenan, dem Schmied, als von Kain. Und später stehen in der Genesis die Keniter an der Spitze der Stämme, die von Israel vernichtet werden sollen. Auch sonst werden die Keniter mehrfach in der Bibel mit dem Fluche, der auf Kain lastet, in Verbindung gebracht: es mag hierher gehören, daß in der Genesis Tubal Kain, der Sohn Lamechs, der erste Schmied genannt wird. Schmiede sind demnach bei Juden und Massai verachtet. Merker sieht den Grund rein im Moralischen: Ng ai habe den Menschen das Blutvergießen verboten und durch die Anfertigung von Waffen, dem Haupterzeugnis der Schmiede, würden sie zur Übertretung des göttlichen Gebotes verleitet. Dazu paßt fraglos die Legende vom Brudermörder Kain. Aber schließlich bedeuten Schmiede für die Völker der Frühzeit mehr als Mörder. Sie sind die Wegbereiter einer neuen Kultur, die Künstler einer neuen Technik. In der Steinzeit kann es keine Schmiede gegeben haben. Zu Beginn der Bronzezeit aber muß sich die aussterbende 237

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