Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Dogmen im Judentum?
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 234 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexander Altmann: Dogmen im Judentum? Glaubenshaltung. Wir möchten diese Substanz des Dogmas mit dem Begriff „Emuna" bezeichnen. Moses Mendelssohn hat im „Jerusalem" das Judentum als dogmenlos bezeichnet. Nirgendwo schreibe die Tora vor: du sollst glauben, immer nur sei gesagt: du sollst tun. Diese Auffassung enthält Richtiges und Unrichtiges zugleich. Das Judentum kennt, wie gezeigt, primär kein Dogma, aber es hat seine ganz bestimmten Glaubensvorstellungen, es hat seine Emuna. Dieser Begriff bezeichnet nicht bloß das „Vertrauen", also das Glauben mit dem Dativ, sondern tatsächlich ein Haben ganz bestimmter religiöser Gedanken. Der „Maamin" ist bereits in der talmudischen Sprache der „Gläubige". Aber eben nicht derjenige, der „glaubt, daß . . .", der Dogmengläubige, dessen Glaube von einer Formel bestimmt und in ihr ausdrückbar ist, sondern der in der jüdischen Daseinshaltung Stehende, von ihr Bewegte. Das jüdische Dogma ist nicht charismatisch verkündet, sondern vom jüdischen Volk in seinen Sprechern als Antwort der Emuna auf die sie* bedrohenden Mächte geschaffen worden. Im Dogma manifestiert sich die Kraft der Gemeinde, nicht die Offenbarung an eine kirchliche Instanz. So viel Emuna, so viel Fähigkeit zur Dogmenbildung. Die Emuna als solche wird nicht vom Dogma gespeist, sondern höchstens rückwirkend gestärkt. Emuna und Dogma stehen in einer Wechselwirkung, aber die Emuna ist vor dem Dogma. Überschauen wir von diesen Einsichten aus die Glaubenssituation des jüdischen Volkes heute. Es fehlt an beidem: an Emuna und an Dogma. Wir brauchen eine jüdische Theologie, die das sagbar macht und in unsere Begriffssprache gießt, was an Emuna im jüdischen Volk als einer religiösen Traditionsgemeinschaft lebt. Jede Zeit braucht ihre spezifische Theologie. Es ist ein Glück, daß das Judentum die aristotelisch-neuplatonische Scholastik nicht unlöslich in seine Begriffswelt eingebaut hat. Die Formulierung etwa der Prophetie bei Rambam könnte heute nicht mehr anerkannt werden. Aber neue Formulierungen tun not. Die theologischen Begriffe (Schöpfung, Offenbarung, Erlösung, Sünde, Sühne usf.) werden nicht mehr ernst genug genommen. Das gilt sogar von der Orthodoxie. Nathan Birnbaum hat sich in seinen Schriften oft darüber beklagt, daß der Messianismus auch von orthodoxen Juden nicht mehr ernst genommen werde. Die theologischen Begriffe werden bestenfalls als erbauliche Homiletik genossen, aber nicht mehr verstanden und in der Zucht des Gedankens weitergeführt. Gewiß ist die Halacha der Pfeiler der jüdischen Existenz. Travers Herford meint, was das Dogma dem Christentum, sei die Halacha dem Judentum. Aber auch das Judentum ist mehr als Gesetz. Das Gesetz selbst braucht das religiöse Weltbild, aus dem heraus es organisch 234