Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Dogmen im Judentum?
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 233 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Dogmen im Judentum? Epikuräismus oder, allgemein gesagt, der antiken Form der Aufklärung. Der Rationalismus dieser Aufklärung versuchte, in die stärkste Burg des jüdischen Glaubens, die Überzeugung vom Offenbarungscharakter der Bibel, Bresche zu legen. Wir besitzen heute ausgezeichnete Arbeiten über die Daseinshaltung des Epikuräismus (Leo Strauß, J. Bergmann) und sind daher um so besser in der Lage, die talmudische Reaktion zu verstehen. Weil dem Epikuräismus wie auch der modernen Aufklärung die Tendenz zugrunde liegt, den Menschen von der Furcht vor einer göttlichen Macht zu befreien, muß die Offenbarung als solche geleugnet werden. Der Talmud ließ sich in seiner Offenbarungsgläubigkeit nicht beirren. Gegen alle Erweichung des Begriffes der Offenbarung stellt er in großartig entschlossener Weise die von Polemik flammende These auf: Wer sagt, die Tora sei nicht vom Himmel, ja, auch nur ein Buchstabe sei nicht vom Himmel, der hat keinen Anteil an der kommenden Welt. Der Protest gegen die Aufklärung prägt die eindeutige Formulierung: „Tora min ha-Schamajim", das dritte talmudische Dogma. Rambam übernimmt diese drei Dogmen. Er muß sie aber ergänzen durch neue dogmatische Formulierungen, die durch neue Frontenbildungen notwendig wurden. Gegen Aristoteles' Lehre von der Weltewigkeit betont er in dogmatischer Unterstreichung die jüdische Lehre von der Weltschöpfung. Gegen die islamische Theologie, die in der Lehre vom Propheten wurzelt, richtet er die jüdische These von der Unübertrefflichkeit der Prophetie unseres Lehrers Mosche. Schließlich steht er im Kampf gegen gewisse Spielarten der jüdischen Mystik, die im Anschluß an die allegorische Auslegung des Hohenliedes das Geheimnis Gottes in allzu gewagten Bildern auszudrücken versuchten. Diese Auseinandersetzung führt zu dem Dogma von der Unkörperlichkeit Gottes. Die dreizehn Ikkarim des Rambam enthalten also, religionsgeschichtlich gesehen, zwei Schichten, eine talmudische und eine mittelalterliche. Die These, daß die Dogmenbildung im Judentum ein Produkt der Auseinandersetzung, nicht des immanent-organischen Bedürfnisses ist, wird also durch die religionsgeschichtliche Analyse bestätigt. (Bereits in dem R. Ascher ben Jechiel zugeschriebenen, nach Zunz wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert stammenden Responsenwerk „Besamim Rosch", § 251, wird der Begriff des Ikkar in dieser Weise gefaßt.) Das Dogma ist im Judentum von außen veranlaßt. Es ist die Herausstellung, Unterstreichung und kämpferische Formulierung des gefährdeten Glaubensbesitzes. Vom Phänomen des Dogmas werden wir also zurückverwiesen auf ein Tieferes, auf das die Dogmenbildung überhaupt erst ermöglichende existentiale Moment, eben auf die 233