Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Dogmen im Judentum?
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 232 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexander Altmannzu verstehen, um so mehr wird man die menschlich-religiöse Leistung ihrer Haltung bewundern dürfen. Das erste Dogma, das von der Einheit Gottes, ist formuliert worden in der Auseinandersetzung mit jener gewaltigen religiösen Bewegung, die, im iranischen Dualismus wurzelnd, in der hellenistischen Zeit den vorderen Orient, Griechenland und Rom überflutet und sich in der Gnosis verdichtet und verfestigt hat Es war die Lehre von dem Kampf der Gottheiten des Lichtes und der Finsternis. Das Weltgeschehen ist dort ein Kampf jener beiden Mächte, ein göttliches Drama, der Mensch selbst ein Schauplatz dieses Kampfes, ein aus Licht und Finsternis gepaartes, darum tragisch zerrissenes Wesen. Der jüdische Schöpfungsgedanke, der Licht und Finsternis, Himmel und Erde von dem einen Gott erschaffen sein läßt, wird damit geleugnet, das Leid des Menschenlebens nicht als strafende Heimsuchung des einen läuternden Gottes verstanden, sondern als ein dämonisches Spiel von Gewalten der Finsternis. Dagegen lehnt sich jüdische Gläubigkeit auf. „Man soll Gott danken für das Gute und das Böse." Gewiß ist der Mensch ein Bürger zweier Welten, aber er hat die Kraft, das Böse in sich zu bezwingen. Im Kampf gegen die Gnosis (die sogenannten „Minim", vor denen der Talmud nicht müde wird zu warnen, sind eben — gegen Graetz und mit Friedlaender — die gnostischen Sekten) haben die Tannaiten und Amoräer das monotheistische Erbe bewahrt und erlebnismäßig vertieft. Die Abwehr der dualistischen Lehre hat stärker noch als der alte Kampf gegen den Polytheismus die Lehre von der Einheit Gottes bestärkt. Die zweite Front war die gegen den Sadduzäismus. Sie hat das Dogma vom „Olam haba", der kommenden Welt, sei es im Sinne des Jenseits hervorgetrieben, sei es im Sinne der nachmessianischen Erneuerung des Kosmos. Nicht als ob der Gedanke als solcher erst aus der Reaktion geboren worden wäre; es gibt bereits eine prophetische Eschatologie. Aber die sprachliche Formulierung „Olam haba" ist pharisäisch-tannaitisch. Diese Formulierung und die Energie, mit der sie vertreten wurde, ist in der Auseinandersetzung mit jener sadduzäischen Geisteshaltung geboren, von der wir wissen, daß sie politisch-aristokratisch, auf Wiederaufrichrung der jüdischen Staatlichkeit gerichtet war. Gegen die Verlagerung der jüdischen Ziele und Hoffnungen in einen spirituellen Olam haba hat sie ihren Spott und ihren Protest ausgegossen. Aus der griechischen Skepsis genährte Erwägungen mögen hinzugekommen sein. Jedenfalls waren die Sadduzäer, wie aus zahlreichen talmudischen Gesprächen hervorgeht, radikale Leugner der Olam haba-Lehre. Auch hier hat die Auseinandersetzung mit ihnen das talmudische Judentum zur Dogmenformulierung veranlaßt. Schließlich hat der Talmud zu kämpfen mit der sogenannten „Apikorsut", dem 232