Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Dogmen im Judentum?
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 231 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Dogmen im Judentum? zu Rambam, zurückkehrt, ist die antidogmatische. Denn auch Rambam selbst muß tiefer begriffen werden, als seine Dogmenformulierung es zu fordern scheint. Beide Denker berühren sich in der Organismusidee. Das Judentum ist mehr als ein Gefüge von Dogmen. Es ist ein lebendiger Organismus, geprägt vom Gedanken und Gesetz der Tora, ein Baum, der zwar Wurzeln (Ikkarim) tief im Erdreich unten besitzt, aber eben als blühender Baum, als eine lebendige Ganzheit genommen werden muß. Die mittelalterliche Diskussion der Dogmenfrage führt also zu dem Ergebnis, daß das Judentum keineswegs eine Dogmenreligion sei, sondern ein gegen dogmatische Systematik und begriffliche Gliederung sich sperrender, einzig und allein in seiner Totalität faßbarer lebendiger Organismus. Und doch hat Rambam dreizehn Glaubenssätze formuliert und hat das jüdische Volk das dreizehnfache „Ani maamin" in den Siddur aufgenommen und damit sanktioniert! Also hat das Judentum Dogmen? Es wird nicht zu bestreiten sein, und das gewonnene Ergebnis steht in keinem Widerspruch zu diesem Faktum. Das Judentum ist seinem Wesen nach keine Dogmenreligion. Aber die Träger und Bewahrer der Offenbarung leben nicht im Himmel, sondern sind irdische Menschen mit einer irdischen Geschichte. Die Dogmenbildung im Judentum ist religionsgeschichtlich zu erklären. Das jüdische Volk lebt nicht im Dogma, aber in der Verteidigung muß es sich sein religiöses Leben in Glaubenssätzen bewußt machen. Die Geschichte der Dogmenformulierung im Judentum ist die Geschichte des Kampfes des Judentums mit den religiösen Strömungen der Umwelt und dem Sektenwesen in der eigenen Mitte. Was Rambam getan hat, als er Dogmen formulierte, haben eigentlich schon die Mischna und der Talmud vor ihm getan. R. Nathan Adler hat in der Einleitung zu seinem Targum-Kommentar die Meinung vertreten, alle die dreizehn Grundlehren, die Rambam aufgestellt hat, seien bereits im 2. Jahrhundert von dem großen aramäischen Bibelübersetzer, dem Proselyten Onkelos, in seine Übersetzung hineingearbeitet worden. Diese Behauptung greift zu weit und hält einer genauen Nachprüfung nicht stand. Aber richtig ist, daß in der Tat bereits in talmudischer Zeit drei Dogmen formuliert worden sind. Allen dreien ist die leidenschaftliche Erregung des Kampfes gegen Irrlehren der Zeit an der Stirn geschrieben. Alle drei sind nicht in der beschaulichen Stille der Reflexion erwachsen, sondern sind typische kämpferische Formulierungen, Reaktionen, jüdische Antworten auf religiöse Probleme, die die Zeit aufwühlten. Je mehr man sich gewöhnt, die Tannaiten und Amoräer unbeschadet ihrer überzeitlichen Bedeutung im religionsgeschichtlichen Zusammenhang 231