Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Dogmen im Judentum?
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 230 (sequence 3)
- Language
- German
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Alexander Altmann. der Religionsdisputationen- Um die theologische Streitfrage der Messianität des christlichen Stifters aus dem Zentrum der Diskussionen herauszulösen, wird der Begriff des jüdischen Dogmas auf den des Axioms reduziert. Die Entwicklung des Dogmenproblems konnte bei dieser künstlichen und im Grunde genommen unfruchtbaren Position nicht stehen bleiben. Gegen Albo hat sich am Ausgang der spanischen Epoche mit außerordentlicher Überlegenheit und in schärfster Weise R. Jizchak Abrabanel gewandt. Er lehnt nicht nur in tiefer Entrüstung die Degradierung des messianischen Gedankens durch Albo ab, sondern spricht auch das entscheidende Wort in der Dogmendiskussion. Er sagt, das Judentum besitze weder 13 Dogmen (Rambam) noch 3 Grundsätze (Albo), sondern 613 Ikkarim (religiöse Einzelgesetze)! Das darf nicht als Naivität ausgelegt werden. In dieser paradoxen Form wollte Abrabanel nicht etwa sagen, das Judentum habe 613 Dogmen, sondern meinte wohl, es habe überhaupt keine Dogmen im genauen Sinn dieses Wortes. Wie er diesen Gedanken (am Ende seines „Rosch Amana") begründet, das hat philosophischen Tiefgang und religiöse Kraft zugleich. Er meint, im Bereich der Wissenschaftsgebiete sei es sinnvoll, auf die Axiome der betreffenden Wissenschaft zu reflektieren, um sich im Fortgang der wissenschaftlichen Arbeit immer wieder von neuem der Grundlagen zu vergewissern. Eine solche Reflexion sei auch durchaus möglich, weil wir es in jeder Wissenschaft mit einem Produkt des menschlichen Geistes zu tun haben, dessen Wurzeln daher in eben diesem menschlichen Geiste freilegbar sein müßten. Anders gegenüber der Tora als einer göttlichen Offenbarung: da sei es vermessen und übersteige die menschlichen Kräfte, die gedanklichen Grundlagen der göttlichen Offenbarung, die ja außerhalb des menschlichen Denkprozesses ihren Ursprung hat, gültig festlegen zu wollen. Hier wird — etwa im Sinne Kierkegaards — radikaler Ernst gemacht mit dem Phänomen der Offenbarung. Der Begriff der Offenbarung, so können wir kurz formulieren, vereitelt die Möglichkeit, Prinzipien der Offenbarung herauszusondern. Es bleibt uns daher nichts anderes übrig, als die ganze Tora, so wie sie ist, als Ganzes anzunehmen. Es ist uns verwehrt, innerhalb der Tora Niveauunterschiede festzustellen, durch Schichten von primärer und sekundärer Geltung ihren Organismus zu zerlegen. Eigentlich hatte bereits Rambam den gleichen Gedanken ausgesprochen, wenn er in nicht minder scharfer Pointierung erklärte, der Satz in der Tora „die Söhne Chams waren Kusch und Mizrajim" sei von gleich großer Wichtigkeit wie der erste Satz des Dekalogs. „Ich bin der Ewige, dein Gott". Die Haltung, mit der Abrabanel wiederum zum Ausgangspunkt der Diskussion, 230