Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Herbstfeiertage
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Herbstfeiertage sind, es ist keine tiefe, aber eine tief menschliche Bindung, die in teilnehmendem Flüstern liegt, und es ist keine Verletzung des Gebets, wenn es nur mehr als bloße Sorge ist, daß es um die einfachen Dinge des Lebens fleht. Brot ist das Alltäglichste, aber wer würde wagen, von der Banalität des Brotes zu reden? Die Heiligkeit des Brotes, „das der Ewige, dein Gott, dir gibt", ist die Heiligkeit jenes Brotes, das wir täglich essen. Träumt ihr Eltern für eure Kinder jenseits des großen Wassers, träumt auch von „prosperity"! Es ist nichts Tadelnswertes, daß ihr den Segen als Fülle irdischer Gaben seht. Die Bibel selbst stellt ihn nicht anders dar. Freilich aber braucht eine menschliche Gemeinschaft zu ihrem Leben nicht nur das Materielle der Prosperität. Sie braucht auch das Heilige. Das Heilige, wie sehr es in unser Leben selbst eintreten muß, ist das vom Leben Abgeschiedene. Wir sind eine messianische Gemeinde. Der Messianismus ist eine Lehre. Die Idee vom Königtum Gottes über die Welt hat in der Liturgie der Hohen Feiertage ihre zentrale Stelle. Aber der Messianismus betrifft auch ein Schicksal; gerade dadurch wird er als Lehre zur Wirklichkeit. Diese in der Synagoge versammelten Juden haben in aller Verschiedenartigkeit der Schicksalswege ein die Herzen gleich treffendes Schicksal. Dieses gleiche Judenschicksal ist gekennzeichnet durch die Verheißung, in irgendein gelobtes Land einwandern zu können, aufzubauen und zu leben gemäß dem Gebote „Du sollst ein Segen sein". Diese mutige und gläubige Hingabe an die Welt unterscheidet sich von bloßem Idealismus, wie er junge Menschen und junge Völker erfüllt. Diese jüdisch-gläubige Hingabe ist nicht einfach der vitale Optimismus dessen, der am Anfang steht. Der ewig anfangswillige jüdische Mensch hat eine Geschichte hinter sich: „Der Herr tröste dich mit allen denen, die um Zion trauern und Jerusalem." Der Herr tröste dich, — den der weiß, was Heimat ist, und ohne sie dasteht. Der jüdische Anfangswille hat seine letzte Begründung nicht in der Vitalität, deren er gewiß nicht entraten kann, sondern hat in Glaubenstiefen seinen Grund. Die 226