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Der Morgen · 1937-09-01 · Heft 6 (September 1937) · p. 227

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 6 (September 1937)
Article
Herbstfeiertage
Date
1937-09-01
Page
227 (sequence 3)
Language
German
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Herbstfeiertage einen sehen am Juden das Zielstrebige, die andern sprechen von der Traurigkeit der Judenaugen. Der Geist Gottes macht den Menschen fröhlich und anfangsmutig, und zugleich macht er ihn ernst und tief. Dieser Geist Gottes gestaltete den Juden, und dieser mächtige Gestaltungswille Gottes, der den Juden zum Juden macht, geht jetzt durch unsere Zeit. Jener scheinbare Gegensatz von Tatkraft und verhaltener Trauer ist tief in uns angelegt, in einem Heimweh, dem keine irdische Heimat genugtun kann. Daß dies so ist, ist nicht die Kraft eines Dogmas, sondern eines Geschehens. Der Nomade kennt das Heimweh nicht. Das Ungebundene ist sein Wesen. Wir sind fest gebunden, wie nur einer gebunden ist, den die Liebe bindet. Aber Heimweh — wonach? Sehnsucht — wohin? Meint unsere Sehnsucht die Vergangenheit, die vorbei ist, oder meint sie das Unerfüllte der Zukunft? Zieht es uns dorthin, wo jetzt überall in der Welt, in Erez Israel, in Amerika, in Afrika oder sonstwo unsere Kinder neu beginnen? Gewiß, der eine denkt an dieses bestimmte Land, der andere an jenes bestimmte Land, das ihm oder seinen Kindern Heimat geben wird. Aber das betrifft gleichsam das private Einzelschicksal, nicht das jüdische Gesamtschicksal. Stellen wir uns alle diese Fragen, die sich jeder von uns in verschiedener Form vorlegt, wenn er sich mit seinem Bild beschäftigt, an ein einziges Herz gerichtet vor, wie Jeremia sich Rahel vorstellt, wenn er das ganze jüdische Volk anspricht — „Rahel weint um ihre Kinder" —, und dieses eine vom Leben des ganzen jüdischen Volkes bewegte Herz sollte in seiner Hoffnung und in seiner Trauer, in seiner Zuversicht für die Zukunft und in seinem Abschied von der Vergangenheit begriffen werden. Heimweh, das keiner irdischen Heimat zugewandt ist, aber doch um das Heimat-Haben weiß: das fühlt dieses Herz. Dies Heimweh ist eine Liebe, die uns stark macht zum Segenbringen, und dieses Heimweh ist ein Leid, das uns tief macht, Menschen des Geistes, Menschen messianischen Geistes zu sein. 227

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