Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Herbstfeiertage
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 225 (sequence 1)
- Language
- German
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DER MORGEN / Monatsschrift der juden in Deutschland BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN, DARMSTADT 13. JAHRGANG SEPTEMBER 19S7 HEFT 6 Herbstfeiertage Die lang sich hinziehenden Stunden des Gottesdienstes der Hohen Feiertage geben dem Einzelnen Gelegenheit, mit seiner Seele über Raum und Stunde hinauszuschwingen. Er träumt. Er denkt an ferne Freunde, an die Angehörigen, an Kinder über See, schließt Wünsche für sie ins Gebet ein, ungreifbare, die mit „Gesundheit" und „Glück" nur ungefähr umschrieben sind, und sehr handgreifliche, die um den Begriff „prosperity" kreisen. Zwar ist das Sprechen während des Gottesdienstes eigentlich nicht erlaubt. Aber ein leises Flüstern während der Andacht, die sich ja viel länger hinzieht als irgendeine Kirchenandacht, gehört zur Atmosphäre des Synagogengottesdienstes. Bei der Thoravorlesung ist das Flüstern auf der Frauenempore da, bei den am Versöhnungstag zwischen Mussaph und Mincha sich einschiebenden Selichot rückt auch unten bei den Männern mancher zu seinem Nachbar hinüber, zu fragen, wie das Fasten bekommt, wie es dem und jenen Verwandten geht. Diese Mischung von Gottesdienst und Träumen, von Beten und Tuscheln, ist das nicht ein Ende aller Religiosität, eine Veräußerlichung dessen, was heilig sein sollte? Sind das nicht lauter Einzelne ohne tiefere Bindung? Welches gemeinsame Band macht aus dieser betenden, singenden, träumenden, flüsternden Versammlung von Männern und Frauen, Greisen und Kindern, von Menschen verschiedenartigster Schicksale eine Gemeinde? Es ist eine Gemeinsamkeit der Sorge in diesen Räumen, auch wenn die Sorgenkinder weit verstreut 225