Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Zur jüdischen Familien- und Territorialgeschichte [Rezension]
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 221 (sequence 2)
- Language
- German
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Geradezu dankbar begrüßt man es schon, wenn etwa Jacob P eis er in seiner „Geschichte der Synagogengemeinde Stettin" (Stettin 1935) die Gruppe bezeichnet, aus der die Gemeinde erwachsen ist, nämlich überwiegend aus grenzmärkischen Juden. Eine große Enttäuschung aber bietet das jüngste Werk auf diesem Gebiet, Eugen Wolbes „Geschichte der Juden in Berlin und der Mark" (Berlin 1937). Schon die Wichtigkeit und Bedeutung des Stoffes hätte eine verschärfte begriffliche Klarheit gerechtfertigt und erfordert. Das Geleitwort sagt zwar mit Recht, daß der Sinn der jüdischen Geschichte sich nur dem enthüllen könne, der sie „in allen ihren Teilen kennt". Es unterstellt ferner, daß der Aufbruch der deutschen Nation der jüdischen Geschichte einen „neuen Sinn" gegeben habe, was man vielleicht psychologisch für die heutige Generation oder einen Teil von ihr gelten lassen kann, was geschichtsphilosophisch aber durchaus bestreitbar ist. Es will ferner als Lehre aus der Beschreibung der „Juden auf märkischer Erde in einem jeden Jahrhundert" ableiten „den unbeugsamen Lebenswillen des jüdischen Volkes" (im Original Sperrdruck). Diese These heißt nun wirklich bestimmten Abschnitten der territorialen jüdischen Geschichte Gewalt antun. Abgesehen davon, daß Wolbes Darstellungsweise des 19. Jahrhunderts selbst von jüdischem „Volks"bewußtsein in keiner Weise getragen scheint, sind doch die Juden, die heute zu ihrer Gemeinschaft auch als geistigem Ort heimkehren, bis auf eine verschwindende Minderheit nicht Abkommen der Berliner Juden von 1800. Nein, so billig sind die Lehren der jüdischen Territorialgeschichte nicht zu formulieren. Der Einwand, daß eine gemeinverständliche Darstellung schildern müsse, besagt nicht, daß sie klare Begriffe entbehren dürfe. Die beste geschichtliche Darstellung scheint uns noch immer die, welche den Leser wie absichtslos an den Rand der Erkenntnis führt, die dem Darsteller selbst bei seiner Vorarbeit am Stoff kam. Wir wollen unsere Forderung nicht überspitzen durch die Behauptung, daß an jedem Ort und zu jeder Zeit und in jeder Gemeindeeinheit immer ein Bewußtsein der eigenen Sendung bestanden haben und darum positiv darstellbar sein müsse. Wohl aber muß jede Einzeldarstellung von der tiefen Einsicht in die Zusammenhänge jüdischen Lebens über Ort, Zeit und Gruppe getragen sein und den Abglanz verraten, den unsere Lehrer in die Worte faßten: „Auch deine Seele hat vor dem Sinai gestanden." Die Erschütterung dieser Zeit hat uns einen historischen Roman beschert— Gerson Sterns „Weg ohne Ende", Berlin 1934 — von dem die Fachwissenschaft belustigt sagen könnte, der Verfasser habe sich auch nicht eine Einzelheit entgehen lassen, die die Lokalgeschichte der jüdischen Gruppen im 18. Jahrhundert als Zeitkolorit nur irgend zu bieten vermochte, — bis zur Judentrauung in Dessau in Anwesenheit des Fürsten. Gewiß ist nicht und braucht nicht jeder Territorialhistoriker ein Mann mit dichterischer Begabung zu sein. Aber auch er sollte bei seiner Arbeit 221