Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Zur jüdischen Familien- und Territorialgeschichte [Rezension]
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 220 (sequence 1)
- Language
- German
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Zur jüdischen Familien- und Territorialgeschidite Seit den großen jüdischen Weltgeschichten von Graetz und Dubnow hat der Leser in deutscher Sprache zwar in den letzten Jahren einige kurzgehaltene geschichtliche Leitfäden — aus den Federn von Cohn, Kastein und Prinz — vorgelegt erhalten; wirklich neue wissenschaftliche Erarbeitungen des gesamten Stoffes sind aber nicht erschienen. Dagegen wächst unvermindert das gedruckte Material an jüdischen Familien- und Territorialgeschichten. Es verdankt seine Erforschung, vielleicht nicht ganz unbeeinflußt von der Tatsache der neuen Gesetzgebung auf rassischer Grundlage, einmal dem gesteigerten Interesse an den eigenen Ahnen; zum andern mag die innere Wehmut einer letzten Rückschau vor der endgültigen räumlichen Trennung den Antrieb bilden. Überblickt man die bisherigen Ergebnisse des Sammeins, so will sich eine gewisse Ernüchterung nicht abweisen lassen. Weder die exakte Forschung noch die sinnende Ausdeutung scheinen so recht in die Tiefe zu führen. Die Schwierigkeiten des Unternehmens sollen nicht verkannt werden. Es fehlt an seelischer Muße. Der Zugang zu vielen Quellen, die innere Verbindung mit der Wesensart gerade früherer Zeitläufte, ruhiges historisches Schauen sind sehr erschwert. Und doch sollte die geistige Anspruchslosigkeit an sich selbst nicht so weit gehen, wie es leider vielfach festzustellen ist. Es mangelt der jüdischen Familienforschung nicht an bedeutenden Vorbildern im eigenen Bereich und außerhalb. Welch lebendige Einsicht in die geistige Welt des Mittelalters und der frühen Neuzeit am Leitfaden von Personenbeschreibungen vermitteln etwa Leopold Zunz' 1845 erstmalig zusammengefaßte Abhandlungen „zur Geschichte und Literatur". An epische Meisterwerke der Familienbeschreibung auf dem Gebiete des internationalen Romans darf man in diesem Zusammenhang schon gar nicht denken, obwohl keine wissenschaftliche Lebensbeschreibung von hohem Grad des künstlerischen Elements ganz zu entraten vermag. Abgesehen von den archivalischen Stoffsammlungen der Zeitschrift „Jüdische Familienforschung" finden sich wirkliche Werte vor allem in einigen Privatdrucken der letzten Jahre, die leider nur zufällig in die Hand des sachlich interessierten Außenstehenden gelangen. Von bleibendem Belang erscheint uns z. B. die Darstellung, die der im Vorjahr verstorbene Heinrich Grünfeld von seinem Vater F. V. Grünfeld und dessen Werk hinterlassen hat In dem schlichten Bericht über eine Familie und ihre Firma ist wirklich das vergangene Geschehen noch einmal greifbar lebendig geworden und sinnvoll eingebettet in den allgemeinen Ablauf der Zeit. Nicht viel besser sieht es im Bezirk der jüdischen Territorialgeschichtschreibung aus. Trotz der Beschränkung auf einen engen räumlichen und mehr oder minder auch zeitlichen Umkreis möchte man doch einen gewissen Sinnzusammenhang erkennen können. 220