Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Maestro Calo
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 214 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Falk Zwischen dieser im Jahre i3i6 innerhalb einer Woche auf Veranlassung seiner Freunde aus dem Arabischen angefertigten Bearbeitung und seiner Dichtung „Ewen Bochan" liegen sechs Jahre. Innerhalb dieses Zeitraumes hatten sich in der Provence blutige Judenverfolgungen abgespielt. Sie sind auf die Gestaltung der Dichtung nicht ohne Einfluß geblieben, denn Kalonymos stellt diese Ereignisse nicht politisch, sondero in alt jüdischer Weise ethisch, als Folge der Sünden dar. Der Schmerz machie ihm die literarische Form der Satire bitter ernst und erlebt, ließ ihn über seine Glaubensgenossen die Zuchtgeißel schwingen und ihnen einen unbarmherzigen Sittenspiegel vorhalten. Im Gegensatz zu dem Satiriker Sebastian Brant, der gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts sein ..iNarrenschiff" ausgehen ließ, betrachtet Kalonymos die Laster und Gebrechen der Menschen und Stände nicht als der Vernunft widersprechende Torheiten, sondern als Sünden, die Gott strafe. Von Gott, seien die königlichen Kinder Judas abgefallen, ist der Sinn seiner Bilder und Gleichnisse, die schonungslos Menschen und Zustände schildern: .Egoismus, Übermut und Hof fahrt, Kieiderpracht und Genußsucht, Habgier, INeid und Unmoralitäl. Und wie Sebastian Brant, ist auch Kalonymos ehrlich und kritisch genug, zunächst sich selbst einen Spiegel vorzuhalten. Bevor er sich zum Richter über andere aufwirft, enthüllt er in einem Zwiegespräch mit seinem Herzen dem Leser sein Inneres und verspricht Besserung; an seine Mitmenschen aber läßt der damals erst fünfunddreißigjährige Verfasser den Ruf ergehen, sich entweder ihm „auf dem Wege zurück*' anzuschließen oder aber sich von ihm zu trennen, denn kurz sei der Lebenstag, und die Sonne stehe schon hoch am Himmel. Im Anschluß an das eigene Sündenbekenntnis unterzieht der Dichter . die sozialen Stände und Verhältnisse seiner Prüfung. Hart geht er in Anspielung auf die Judenverfolgungen seiner Zeit mit dem Menschengeschlecht ins Gericht, mit einer „verrohten Welt, die alles Unrecht geschehen lasse*'. Unter den Fehlern und Lastern der Menschen sucht er Typen aus: den stolzen Reichen und den Ahnenstolzen, den Neunmalklugen, den Halbwisser. Widerlich sind ihm vor allem die Heuchler und Frömmler, doch schont er ebensowenig die gewissenlosen Kurpfuscher und die Hokuspokuskünste der in schwarze wallende Talare gehüllten Astrologen, die Reimschmiede, die sich für Dichter halten, die Philologen und die Rabbinen. Zwar will er über die Massoretiker nicht den Stab brechen, doch hält er es für Torheit, mit nach seiner Meinung rein äußerlichen Fertigkeiten die Zeit zu vergeuden und die Kräfte der Forschung anzuspannen: zur Wahrheit verhielten sich diese Silbenslechereien wie die Schale zur edlen Frucht, wie die Form zum Kern des Wesens. Sein tadelnder Spott galt nicht dem Talmud, nur aufgeblähter Talmudweisheit, den Theologen, die die Wissenschaft nicht, um der Gotteslehre willen pflegen, sondern um Anerkennung und Ehrenkronen einzuheimsen, und die, anstatt die Wissenschaft selbstlos zu fördern, Kampf und Streit in sie hineintragen. Damit spielt der Dichter offenbar auf die heftigen Religionsfehden an, die zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts zwischen den Anhängern der Buchstabengläubigkeit und den Vertretern einer freieren Auffassung des Judentums entstanden waren. 214