Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Der wahre Shylock
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 209 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Tramer: Der wahre Shylock Kaufleute; trotz aller Erregung setzten sie sich und verfaßten gemeinsam einen Vertrag, den sie auf der Stelle in Gegenwart zweier herbeigerufener Zeugen unterschrieben und siegelten. „Sollte sich die Nachricht des Herrn Paulus Secchi, daß Drake die Insel Espagnola eingenommen habe, bestätigen", hieß es darin, „so soll dieser die Macht haben, mit seiner eigenen Hand und mit seinem wohlgeschärften Messer dem Juden Simson Ceneda ein Pfund Fleisch von seinem Leibe herunterzuschneiden, und zwar an welcher Stelle es ihm beliebt." Nach drei Monaten war an der tatsächlichen Einnahme und Plünderung der westindischen Stadt durch die Engländer kein Zweifel mehr möglich. Ceneda mußte wohl oder übel erkennen, daß die Voraussage des Christen stimmte und daß er selbst sehr unüberlegt gehandelt habe. Er begab sich deshalb in Secchis Haus, um ihm seinerseits tausend Scudi für die abgeschlossene Wette zu übergeben. Allein zu seiner großen Bestürzung wollte Secchi von dem Qelde nichts wissen und bestand auf seinem schriftlich zugesagten Pfund Fleisch. Alles Zureden des arg erschrockenen Juden half nichts, der römische Kaufmann erklärte, nur das Pfund Fleisch könne ihm Genugtuung verschaffen. So sehr auch Ceneda bat und seinem Gegner vorhielt, daß doch nur der Eifer und die Erregung des Augenblicks ihn zu einer solchen Wette getrieben habe, Secchi ließ von seiner Forderung nicht ab. Dem Juden blieb nichts anderes übrig, als sich an den Befehlshaber der Stadt um Hilfe zu wenden. Doch auch dieser wußte keinen Rat. Das Schriftstück war vor Zeugen unterschrieben und gesiegelt, also war Secchi ohne Zweifel im Recht. Aus diesem Grunde erschien es ihm besser, den Papst selbst die heikle Angelegenheit entscheiden zu lassen. Sixtus V. ließ die beiden Parteien vor sich kommen. Nachdem er die Urkunde gelesen und die Kläger gehört hatte, sprach er Secchi die Erlaubnis zu, dem Juden das Pfund Fleisch wirklich auszuschneiden. Nur befahl er, es müsse sofort in seiner Gegenwart geschehen. „Aber", fügte der Papst noch hinzu, „gebt wohl acht. Denn wofern Ihr nur ein einziges Quentlein zu viel oder zu wenig abschneidet, müßt Ihr ohne Barmherzigkeit hängen." Danach ließ er das Messer schärfen und eine ganz genaue Waage bereitstellen. Nun aber war es Secchi, den ein heftiges Zittern befiel und der sich aufs Bitten verlegte. Er fiel dem Papste zu Füßen und beschwor ihn nun seinerseits, den ganzen Handel aufzuheben und das verhängnisvolle Schriftstück zu vernichten. „Und, Jude, was meinst du dazu?", fragte darauf Sixtus den ob dieser Wendung sehr frohen Ceneda. „Ich bin es zufrieden nach Eurem Ausspruch, hoher Vater", antwortete dieser. „Du magst wohl zufrieden sein", erwiderte der Papst, „doch wir sind es 209