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Der Morgen · 1937-08-01 · Heft 5 (August 1937) · p. 210

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 5 (August 1937)
Article
Der wahre Shylock
Date
1937-08-01
Page
210 (sequence 3)
Language
German
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Hans Tramer: Der wahre Shylock keineswegs, auch unser Gouverneur nicht als das Haupt unserer Justiz. Was für ein Gesetz hat euch dergleichen Wetten anzustellen gelehrt? Die Untertanen der Fürsten, oder noch deutlicher zu reden, die Menschen in der ganzen Welt haben nur den bloßen Gebrauch ihres Leibes, sie können aber denselben weder ganz noch zum Teil verkaufen, wo es ihnen ihr Oberherr nicht ausdrücklich erlaubt!" Der Papst befahl die beiden Kaufleute in strenge Haft zu nehmen, da er erst nach Anhörung des Stadtkommandanten ein endgültiges Urteil fällen wolle. Als aber der Gouverneur, dem daran lag, den Edelmann Secchi zu schonen, vorschlug, beide mit einer Geldstrafe von tausend Scudi zu belegen, zeigte der Papst sich damit durchaus nicht einverstanden. Er hielt vielmehr beide für mutwillige Totschläger, den einen, weil er sich durch die Verpfändung seines Fleisches leichtsinnig in Todesgefahr begeben, den andern, weil er durch den wirklich vollzogenen Schnitt den Tod des Juden unfehlbar herbeigeführt hätte. Zwar versuchte der Stadtkommandant den Heiligen Vater davon zu überzeugen, der reiche Kaufmann habe in Wahrheit nie daran gedacht, Ernst zu machen, es sei ihm vielmehr nur darum zu tun gewesen, den Juden zu beschämen und lächerlich zu machen. Der Papst aber blieb bei seiner Meinung und wollte von diesen jetzt aus Furcht vor Strafe abgegebenen Erklärungen nichts wissen. So sehr sich auch der Gouverneur für seinen reichen Freund verwandte, Sixtus ließ sich nicht umstimmen und verurteilte schließlich alle beide zum Galgen. So saßen beide, der Christ und der Jude, gemeinsam im Gefängnis und erwarteten den Tag ihrer Hinrichtung. Mittlerweile war das Urteil auch öffentlich bekannt gemacht worden, und nun ergingen von beiden Seiten — denn auch Simson Ceneda galt viel in der jüdischen Gemeinde Roms — Bittschriften an den Papst. Da diesem jedoch, wie sein zeitgenössischer Biograph Gregorio Leti erzählt, mehr daran gelegen war, ein für allemal ein abschreckendes Beispiel für derart unmenschliche Wetten zu geben, als sie so hart zu bestrafen, ließ er sich endlich bestimmen, beide zur Arbeit auf den Galeeren zu begnadigen. Unverzüglich teilte man diese Schicksalswendung den beiden Häftlingen mit, denen alsbald auch die Ketten an die Füße geschmiedet werden sollten. Als man sie aber zu diesem Zwecke herausführte — der Galeerenschmied stand schon bereit —, traf plötzlich ein Eilbote ein, der beiden im Namen des Papstes gegen ein Entgelt von zweitausend Scudi die Freiheit zuerkannte. Nicht nur der Jude also, sondern auch der christliche Shylock hatte die zweitausend Scudi zu entrichten. Genau zehn Jahre später, im August 15%, steht im „Kaufmann von Venedig" der Jude Shylock zum ersten Male auf der Bühne. 210

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