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Der Morgen · 1937-08-01 · Heft 5 (August 1937) · p. 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 5 (August 1937)
Article
Der wahre Shylock
Date
1937-08-01
Page
208 (sequence 1)
Language
German
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Hans Tramer: Der wahre Shylock In den letzten Tagen des denkwürdigen Jahres 1492 setzte zum ersten Male ein Europäer seinen Fuß auf die von ihm selbst Espagnola benannte Insel Haiti; Christoph Columbus hatte im gleichen Jahre sein „Indien" gefunden und damit die Neuzeit der Welt eingeleitet. Hundert Jahre später fuhren die europäischen Staaten die heftigsten Kriege um diesen kostbaren Besitz. England schickt seinen besten Admiral mit einer Flotte von zwanzig Schiffen nach Westindien, und in der Tat gelingt es Francis Drake im Dezember 1585, die von den Spaniern erbaute Stadt Santo Domingo in seine Hand zu bekommen. Doch nicht nur für England und Spanien war der Ausgang des Kampfes von großer Bedeutung; auch die Kaufleute anderer Länder erwarteten mit Ungeduld genaue Nachrichten. War es auch für viele der Handelsherren eine Lebensfrage, möglichst bald Gewißheit über Sieg oder Untergang des Engländers zu haben, so mußten sie sich doch gedulden; denn vor wenigstens drei Monaten war eine endgültige Nachricht über den Ausgang des waghalsigen Unternehmens nicht zu erlangen. In Rom wollte ein reicher und angesehener Kaufmann die genaue Kunde haben, Drake befinde sich nach Einnahme des Landes mit großer Beute auf der Heimreise. Vergnügt rieb sich Paulus Secchi, so hieß der Römer, die Hände, hatte er doch seine Geschäfte auf den von ihm als sicher erwarteten englischen Sieg eingestellt und sich dadurch vor ansehnlichem Schaden bewahrt. Er freute sich desto mehr, als damit endlich einmal der lästige Wettbewerb des Juden Ceneda empfindlich getroffen war. Er wollte diesem die ihm sicher recht unangenehme Botschaft nicht vorenthalten, und ließ ihn durch einen Diener unverzüglich zu sich rufen. Simson Ceneda kam, verhielt sich aber der Nachricht gegenüber skeptisch. Im Gegenteil, er, der bestimmt mit einer Niederlage des Engländers gerechnet und sein Vermögen dergestalt angelegt hatte, behauptete sogar, von einem Siege der Spanier unterrichtet zu sein.t Das wieder bestritt Secchi mit aller Entschiedenheit, und so kam es zu einem heftigen Wortwechsel. Sie redeten sich so in Wut, daß keiner mehr nachgeben wollte: jeder hielt seine Nachricht für untrüglich. „Dafür, daß dies nicht wahr ist, will ich ein Pfund Fleisch von meinem Leibe verwetten!", schrie Ceneda in einer plötzlichen Aufwallung Secchi entgegen und hielt ihm die Hand zur Wette hin. Der Römer stutzte erst über die absonderliche Wette, dann schlug er ein und setzte tausend Scudi dagegen. Aber sie waren 208

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