Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Ueber die "Kina"
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 203 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die „Kina" grund, auf dem sich jüdisches Leben abspielt, ist das trauernde Antlitz, der schmerzhafte Mund, die tiefen, oft scheu um sich blickenden, oft in unbestimmte Fernen schauenden Augen. Kleine jüdische Kinder, die noch wenig von der Welt und ihrem Ergehen wissen, haben in ihren Augen oft ein Ahnen um das Leben, das ihnen vorherbestimmt ist. Die Augen dieser kleinen Kinder, die nach dem Midrasch am Sinai zu Bürgen für das Volk erkoren wurden, sind Zeugnis für dieses Volk. Tiefer aber noch zeigt das Gesicht der jüdischen Frau den Zug des Schmerzes und der Hoffnung. Von Rachel, die am Wege dahinsank und der Jaakob dort ein Grabmal setzte, bis zu Mirjam und Debora, von dem Weib aus Abel Bet Maacha, die Joab zurückschreckte, bis zu der Märtyrerin der Kreuzzüge — überall ist derselbe schmerzhafte Zug um die Lippe, halb verhüllt blicken die tiefen Augen nach innen und fassen doch das Außen. Ein kleiner Zug um den Mund, ein Schatten oft nur, der ihre Augen von denen anderer Frauen unterscheidet, gibt Kunde von dem Schmerz der Jahrhunderte. Wie hat nun das jüdische Volk auf seine Geschichte geantwortet? Was sagen seine Lieder zu dem jüdischen Schicksal der Jahrhunderte? Unfaßbar klar und oft erschreckend in ihrer Eindeutigkeit ist die Antwort, die uns immer wieder entgegentönt. Durch alle Gesänge und Klagen, durch jeden Aufschrei des zermarterten Lebens klingt es hindurch: Preis und Dank an Gott. Jede Schilderung der Leiden schließt mit dem Preis, jede bange Frage nach dem Sinn endet mit dem Dank. Ein manchmal spürbares Aufbegehren der Verzweiflung, das den Grund des Leidens fordernd erfragt und baldige Erlösung heischt, sinkt zusammen, geblendet von der Kraft der in ihm ruhenden Hoffnung und der Gewißheit einstiger Hilfe. Abraham ibn Esra, der scharfsinnige Erklärer, sagt einmal in seinem Kommentar: „Weit entfernt ist es, daß ein einziges Gebot der Logik widerspräche. Wir nur sind verpflichtet, alles, was Gott uns befohlen, zu bewahren — ob uns das Geheimnis offenbart, ob es uns nicht offenbart wurde." Der Sinn wird nicht erkannt, er wird nur erfühlt. Alle uns bekannten Gesetze der Logik verstummen; Gedanken, die weit vorstoßen, weichen urplötzlich vom Wege, um sich im Uferlosen zu verlieren, wagen einen Sprung, setzen über das Erlebnis hinweg: und ihnen eröffnet sich nichts mehr als die einzige zu Beginn des Zehnworts gegebene Erklärung: "23«. Ich bin! ICH!, das ist alleinige Begründung, letztes Wort, das schon zu Beginn gestanden. Alles Gebundene, jedes Fragen fällt zurück. Und der Mensch, der in seinem Wesen nur dem gleicht, was er begreift, muß diesem ihm entgegengeschleuderten, ihn anredenden Wort genügen. Es muß ihm Sicherung und Hoffnung sein, daß 203