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Der Morgen · 1937-08-01 · Heft 5 (August 1937) · p. 202

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 5 (August 1937)
Article
Ueber die "Kina"
Date
1937-08-01
Page
202 (sequence 5)
Language
German
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Fritz Aronstein blieb bei dem Leid, das er selbst mit ansehen mußte und dem er kaum entronnen war: alle gingen weit darüber hinaus, sprachen von dem Vergangenen, aus dem erst das eigene Geschehen Rechtfertigung und Bestätigung erhielt. Eine Kina ist höchst persönlicher Ausdruck der Gefühle des Dichters und gleichzeitig zutiefst überpersönlich; ihr Klang ist bei aller Subjektivität objektiv. Daher wissen wir nichts weiter von den Dichtern selbst und ihren Schicksalen, da diese außerhalb jener subjektiv-objektiven Geschehnisse niemanden etwas angingen: „von keinem, der zwischen 515 und 1100 gelebt, kennen wir den Todestag, — außer wenn er erschlagen worden" (Zunz). Der jüdische Mensch lebte seit der Zerstörung des zweiten Tempels in Ungewißheit und Furcht. Wo immer er Fuß gefaßt hatte, — er mußte gewärtig sein, weiter zu wandern und alles aufzugeben. Grabsteine und Bücher waren das einzige, was ihm blieb. Stets lebte er im Angesicht des Todes, mehr als ein anderer Mensch, dem in jeder Drangsal die Hoffnung des Friedens und des ruhigen Aufbaus blieb; so hatte „die ganze Nation im Grunde ihr Leben dem Martyrium geweiht"3). Ein 'Schweben im Tode', indes der Mensch noch hofft und Zukunft sieht, ist dem Juden stets bewußt gewesen. Er wußte und fühlte, daß er dem Tode und der Vernichtung bestimmt war: immer und zu jeder Stunde, doch unberechenbar und nicht vorher zu erschauen. Kein Gedanke des jüdischen Geistes ist davon frei. Tief hat sich das in der Galut lebensnah entstandene Todesbewußtsein dem jüdischen Antlitz eingeprägt. Der Jude weiß, daß es nicht an ihm ist, das Werk zu vollenden, aber auch, daß er nicht frei ist, sich seiner zu entledigen (Pirke Awot II). Mit einem Kranken, bei dem der Arzt immer noch hofft und dem er daher im Gegensatz zu dem Kranken, den der Tod schon endgültig gezeichnet hat, viele Speisen entzieht und verbietet, vergleicht der Midrasch einmal das jüdische Volk (Tanchuma, Sidra Mischpatim 3). Die dauernde Pflicht des Bauens und Pflanzens liegt auf ihm, dem es in seinem Inneren schmerzlich gewiß ist, daß nicht er ernten wird, sondern erst seine Söhne. So entsteht jene Vertrautheit mit dem Tode: „Ein Pfad von den Schöpfungstagen her ists!" (Talmud Ketuboth 8 b). Ein Volk, das Tod und Bedrängnis so vor Augen sieht, dem die Galut zur bestimmenden Lebensform geworden ist, kann nicht lachen: ihm ist das Weinen gemäßer. Klage ist besserer Ausdruck seines Denkens als befreites Jubeln. Aller Humor, aller Schmerz und jede Komik sind ernst unterlegt. Der Hinter- 3) Baer S.7. 202

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