Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Ueber die "Kina"
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 201 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die „Kina" ständig bleibt. „Jedes Wort färbt sich anders nach seiner Umgebung. Die Worte bekommen eine Verwandeltheit beim Zitieren. Der Vers, der angeführt wird,, ist nicht mehr der Vers, den man anführen will." Das biblische Wort bleibt nicht „Zitat". Durch die Aufnahme biblischer Worte identifiziert der Kina-Sänger sich und sein Schicksal mit dem Schicksal der Geschlechter vor ihm und reiht sich ein in jene nie unterbrochene Kette der Generationen, die alle das gleiche Schicksal hatten. Erhebt er seine Stimme zu dem Echa, dann klingt für ihn wie für jeden Hörenden das alte Echa des Jirmejahu mit und das Echa der dazwischen liegenden Geschlechter, der Männer, die unter der Araberherrschaft zu leiden hatten, der Opfer der Kreuzzüge, der Inquisition, der Chmjelnickiaufstände und der späteren Pogrome. Es ist mehr als das Erlebnis jüdischer Geschichte oder jüdischer Gegenwart: aus den Liedern weht ein Gluthauch, der den Sänger eins werden läßt mit den Männern jener Zeiten. Jene Männer, die in den „finsteren" Jahrhunderten des Mittelalters starben, die Verfolgung und Austreibung erduldeten, die Märtyrer, die ihr Leben und das ihrer Familie hingaben für die Heiligung des Namens, sie sind uns verbunden und sind uns Zeugnis. Der Dichter vergißt sich und sein Schicksal, er weiß nicht mehr, ob er die Toten beweint, die vor ihm liegen, oder die Hingemordeten früherer Jahrhunderte; er weiß nicht mehr, ob er selbst unter denen war, die im 11. Jahrhundert die Vernichtung der rheinischen Gemeinden mit ansehen mußten, ob er mit Bar Kochba gekämpft, um den Tempel und seine Trümmer geweint hat. Die Geschichte fließt für ihn in eins zusammen1). Väter und Enkel werden untrennbar verbunden, Schicksal des Einzelnen weitet sich zum Geschehen der Geschlechter und wird Geschichte des Volkes. Das hinhallende Echa der Klage nur bleibt für den Sänger und den mitmurmelnden Hörer aller Zeiten. „Vor der religiös-nationalen Poesie, die die Juden in dieser Zeit (der Kreuzzüge) hervorgebracht haben, verblaßt die gesamte individuell-religiöse europäische Lyrik. Wie das ritterliche Epos, aber mit verschiedenem Inhalt, ist die jüdische Poesie das Leben des Volkes selber"2). So sprechen die Kinot, die aus vielen Jahrhunderten stammen, nicht nur von den Ereignissen ihrer Zeit. Kein Dichter x) Zur Geschichtsauffassung des Midrasch 'sagt Dienemann (Midraschim der Klage und des Zuspruchs, S. 9f.): „Im Midrasch leben alle gleichzeitig, kein Geschlecht ist abgetreten und nicht mehr wirksam, kein Geschlecht ist so vergangen, daß es nicht mehr gegenwärtig sein könnte." — Der Heutige ist mit dem Früheren eins: „Er lebt nicht nur mit ihnen und sie leben in ihm, sondern jeder kann dadurch in seinem Bewußtsein mit einem der Früheren verschmelzen, gleichsam zu ihm selbst werden/' (S.10.) 2) jizchak Fritz Baer: Galut, S. 19. 201