Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Die Lage der jüdischen Jugend
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 197 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lage der jüdischen Jugend pädagogisch betrachtet verantwortlich genommen werden. Das heißt aber: eine Morallehre tut not, die in ganz schlichten Worten und möglichst sprechenden Bildern und Beispielen jedem Einzelnen sagt, was er hier und jetzt und was er in der Zukunft zu leisten hat. Grob ausgedrückt kann man sagen, die schlechten alten Kalendersprüche, die sich den Menschen fester als alles andere eingeprägt haben, müssen durch bessere Sprüche ersetzt werden, so ersetzt werden, daß man sich zwangsläufig immer wieder an sie erinnert. Eine solche Morallehre kann und soll an die jüdische Lehre anknüpfen und von ihr ausgehen. Während die „Schulung" einfache Kenntnisse und Fähigkeiten wie Rechnen, Schreiben, Lesen vermittelt, bedeutet die Lehre mehr: ein Wissen, das ein ganzes Gebiet von Kenntnissen und Dingen ordnet, und zwar innerhalb der Lehre nach Werten ordnet. In bezug auf eine Lehre einen „Standpunkt einnehmen", ist hier der prägnante Ausdruck, weil eine Landschaft von einem Standpunkt aus gesehen sich in ihren Größen je nach der Nähe zu diesem Standpunkt verändert. Damit ergibt sich von selbst, daß es auch andere Standorte und andere Rangordnungen geben kann. Dies schadet aber nichts, wenn die von einem Punkte aus gegebene Wertordnung in sich klar und geschlossen ist. Zunächst ist es wichtig, daß überhaupt Werte in einer Ordnung geboten werden. Nur innerhalb der Lehre wird bewiesen und argumentiert, zur ordnenden Klärung der uns gegenüberstehenden und ohne Lehre nicht zu verstehenden Realitäten unserer Welt. In der Tat ist so im Judentum immer gelehrt und „gelernt" worden. Eine solche Lehre hat, pädagogisch betrachtet, den Sinn und den Wert, die jungen Menschen überhaupt erst einmal in ein geistiges Ordnungsgefüge zu bringen, damit sie begreifen, daß eine geistige Ordnung besser und stärker ist als Unwissenheit oder Geschwätz. Jede sittlich dargebotene Lehre wirkt disziplinierend. Aber diese Lehre muß in Beziehung zu der Jugend stehen, der sie übermittelt werden soll. Sie muß sich als echte Lehre brauchbar, stimmig, klärend erweisen können. Sobald der Kontrast zwischen der Lehre und der Aufnahmebereitschaft der Jugend zu groß ist, wirkt die Lehre verwirrend, beängstigend oder sogar komisch. Darum liegt in der Art, wie heute der Lehrgehalt des Judentums den Schülern übermittelt wird, ein ausschlaggebendes Moment für die jüdische Pädagogik. Die jüdische Lehre muß pädagogisch dargereicht werden, das heißt, mit einer möglichst großen inneren Nähe zur Situation und zum Fassungsvermögen der jungen Menschen. Es genügt nicht allein, daß eine Umgebung geschaffen werden soll, innerhalb deren die Menschen eine solche Grundlehre und Grundhaltung vorfinden. Bei der Labilität aller Umweltbe- 197