Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-08-01 · Heft 5 (August 1937) · p. 196

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 5 (August 1937)
Article
Die Lage der jüdischen Jugend
Date
1937-08-01
Page
196 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895572-2907418--09954-2907465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hans Weil (Recco) auch haben, und Rechnen, etwas Mathematik und kaufmännisches Rechnen auch. . . So erweist sich, daß der allgemein bildende Unterricht, „der eigentlich nicht zu sein brauchte", in Wirklichkeit dringend nötig ist. Das Schwerste aber ist, eindringlich daran zu erinnern, daß es auch andere Fähigkeiten zu schulen gilt, die man nicht so ohne weiteres in dem Stoffplan ausdrücken kann, eine Fähigkeit, die unserer Jugend sehr viel mehr fehlt, als allgemein bekannt ist, nämlich Ausdauer: Ausdauer sowohl im Lernen von Stoff als vor allem auch in der Praxis, Ausdauer als moralische Qualität, als Training, als eine der wichtigsten Lebensvoraussetzungen überhaupt. Ich möchte hier nicht untersuchen, aus welchen Gründen der fast durchweg zu beobachtende Mangel an Ausdauer herrührt. Zum Teil folgt er zweifellos aus der starken Veränderung der Lebenssituation in den bestimmenden Jahren der frühen Jugend, zum Teil daraus, daß der wichtigste Erziehungsgrundsatz bei der frühen Erziehung dieser Jugend nicht beachtet wurde, der darin besteht, immer gleichen Widerstand am gleichen Fleck entgegenzusetzen. Was einmal verboten ist, bleibt immer verboten; was einmal erlaubt ist, bleibt immer erlaubt. Wenn die Jugend von Anfang an gewöhnt ist das zu erfahren, so fügt sie sich gut und gerne in alle späteren erziehlichen Aufgaben und Ansprüche. Wenn sie aber einmal Ausweich- und Umgehungsmöglichkeiten gespürt hat, ist es später sehr schwer, sie zur Kontinuität, zur Sachlichkeit, zur Disziplin, kurz zu alledem zu bringen, was eine Bewährung in der Zukunft fördert. Könnte eine solche Zeit des Trainings, der Zucht, der Bereitung jedem Jugendlichen gesichert werden, eine Zeit, in der sie sich auf Hachscharah, in der Lehre, im Bund oder zu Hause zu bewähren hätten, dann wären die übrigen pädagogischen Bemühungen sehr erleichtert. Um ein solches Training, die langsam sich steigernde, andauernde und mit Eifer betriebene Arbeit leisten zu können, ist eine innere Bereitung notwendig, die nur mit sehr genauer Kenntnis unserer Jugend geleistet werden kann. Kulturpolitisch ist es notwendig, die jungen Juden als Juden anzusprechen und das Judentum fortzuerhalten und zu stärken, indem man ihm die heute mehr als früher bereite Generation zuführt. Pädagogisch dagegen scheint es heute durchaus nicht in allen Fällen richtig, häufig sogar gefährlich, den jungen Menschen nicht als Person, sondern als Juden und nur als Juden anzusprechen. Dadurch wird eine Identifikation erreicht, die sich, wie aus den Geschehnissen in den Bünden hervorgeht, leicht bis zur Überheblichkeit steigert. Nicht allein um ihrer Gegenwart, sondern auch um ihrer Zukunft willen müssen unsere Jungen einzeln angesprochen und einzeln 196

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.