Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Die Lage der jüdischen Jugend
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 195 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lage der jüdischen Jugend pädagogisch betrachtet Je fester eine Jugend in dem sittlich kulturellen Gefüge einer Umwelt steht, die unbezweifelt da ist und dableiben wird, um so leichter haben es die Leiter der Jugend: sie brauchen nur eine Kontinuität zu wahren, sie brauchen nur das Gegebene der nachrückenden Generation bekanntzumachen. Dies durfte und konnte die alte Chedererziehung im Osten und, mit gewissen Abstrichen, auch die weltliche Erziehung im Westen leisten. Heute liegt die Aufgabe für das Judentum in Deutschland völlig anders. Es muß überhaupt erst einmal Umschau gehalten werden, woran unsere Jugend echten Anteil haben kann, welche Güter für sie noch Geltung haben, wofür sie aufnahmevvillig und -fähig ist, welches Erbgut und welche neuen Gegebenheiten geeignet sind, ihr für irgendein kommendes Dasein in irgendeinem Lande, in irgendeiner Umgebung als Kraftquell und Wertordnung zu dienen. Vieles von dem, was erlernt und erarbeitet werden muß, scheint in dem Augenblick, in dem seine Übung befohlen wird, unwichtig. Erst viel später wird in der Regel die Wirkung dessen begriffen, was wir zu Hause, in der Schule, in der Umgebung, durch Freunde mitbekommen haben. Der Pädagoge überlegt also: Was werden dieser oder jener Mensch oder diese Menschengruppen, die ich heute vor mir habe, die meinem pädagogischen Einfluß unterstehen, später einmal brauchen können? Welches Wissen, welche Zucht, welches Training, welche Moral muß ich ihnen geben, damit sie sich im gegebenen Moment, in der gefährlichen zukünftigen Situation, in der sie vor neuen Entschlüssen, vor neuen Aufgaben stehen, dessen entsinnen und danach handeln können? Daß dies im gegebenen Augenblick, gerade wenn man an junge Juden aus Deutschland denkt, unendlich schwer und verantwortungsvoll ist, braucht kaum weiter ausgeführt zu werden. Immer wieder gibt es Abschiede, immer wieder gehen junge Leute irgendwohin übers Meer und müssen dann ihren Weg machen, und es ist zu überlegen, ob das Gepäck, mit dem sie ausgerüstet wurden, taugt. Schon das pädagogisch Einfachste, die Auswahl des Lehrstoffes, macht Sorge. In Verhältnismäßig kurzer Zeit müssen die verschiedensten Fächer unterrichtet werden, und es gilt immer wieder darauf zu achten: Was kann unsere Jugend noch aufnehmen und was nicht? Ist es besser, ihnen nur eine fremde Sprache oder zwei und, wenn die Eltern sehr drängen, sogar drei Sprachen zuzumuten? Dann kommt die Frage nach dem sogenannten allgemeinbildenden Unterricht, von dem die Eltern zunächst meinen, daß er eigentlich doch gar nicht nötig sei. „Sollen Ihre Kinder keine Geographie können?" Natürlich, Geographie gehört dazu, und Geschichte müssen sie auch können, und eine Ahnung von Physik und Chemie muß ein Handwerker 195