Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Minoritätenproblem und Teilungsplan
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 190 (sequence 6)
- Language
- German
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Kurl Stillschiveiy IV. In der Geschichte des Nationalitätenka,mpfes fehlt es nicht an Beispielen, in denen die Verhältnisse ähnlich lagen. Namentlich in einigen Fällen besonders starker Völker„verzahnung" auf dem Balkan glaubte man, der nationalpolitischen Probleme durch minoritätenrechtliche Lösungen nicht mehr Herr zu werden. Man griff deshalb zu einem Mittel, das auch der Peel-Bericht vorschlägt: zum Bevölkerungsaustausch. Auf die hiermit verbundenen technischen Fragen, etwa die Wanderungsorganisation, die Vermögensliquidierung, die Tätigkeit der gemischten Kommissionen und ähnliche Probleme kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Nur soviel sei bemerkt, daß ein Bevölkerungsaustausch in zweifacher Form stattgefunden hat: als gegenseitige freiwillige Emigration („emigration reciproque et volontaire") und als zwangsweise wechselseitige Aussiedlung („echange obligatoire"). Die grundsätzlichen Fragen, die mit dem Bevölkerungsaustausch verknüpft sind, sind anläßlich des Lausanner Vertrages vom Jahre 1923 eingehend erörtert worden. Nach diesem Vertrag sollte ein obligatorischer Austausch der griechischen Minderheit in der Türkei und der türkischen Minderheit in Griechenland stattfinden. Die hauptsächlichen Gesichtspunkte, die hierbei zur Debatte standen, waren der humanitäre, der wirtschaftliche und der politische Aspekt. Das humanitäre Argument bereitete den Schöpfern des Lausanner Vertrages die meiste Verlegenheit. Handelte es sich doch darum, vorbedacht und planmäßig weit über eine Million Menschen aus ihrer bisherigen Heimat herauszureißen, ihnen ihre Existenzen zu nehmen und sie einer ungewissen Zukunft entgegenzuführen. Mit dem Odium, der Urheber eines derartigen Projektes zu sein, wollte sich keiner der in Lausanne versammelten Delegierten belasten. Ismed Pascha wies die Vaterschaft des Gedankens Venizelos zu, dieser berief sich auf Nansen, Nansen nannte Lord Curzon, der aber ebenfalls seine Urheberschaft bestritt. Mag diesem oder jenem Delegierten das Projekt zuzuschreiben sein — die allgemeine Ableugnung der Vaterschaft zeigt jedenfalls zur Genüge, daß man in Lausanne den schließlich trotz allem m die Welt gesetzten „echange obligatoire" im humanitären Sinne als eine Mißgeburt empfand. Aber auch die wirtschaftliche Seite der Sache erregte schwerwiegende Bedenken. Wie sollten die in der Türkei und in Griechenland bisher von den Minderheiten innegehabten Positionen so schnell neu besetzt werden, daß eine Stockung oder Krise im Wirtschaftsleben beider Länder vermieden wurde? In Griechenland gelang es, diese Frage verhältnismäßig schnell und 190