Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1937)
- Article
- Dialogische Geschichte
- Date
- 1937-07-01
- Page
- 144 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895571-2907333--09874-2907369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Max Nußbaum schlagen. Die Völker begegnen sich und treten ins Gespräch miteinander ein. Aufgrund solcher Gespräche und Begegnungen entsteht der letzte und abschließende Zug im Wesen eines Volkes. Jede richtige Begegnung mit einem Volke wird jedem Partner etwas zu geben haben und in jedem Falle eine beiderseitige Veränderung hervorrufen. Diese Veränderung aufgrund eines Gebens und Nehmens bedingt innerhalb der Sphäre des nationalen Ichs die Geburt des dritten und letzten Elements: des dialogischen. Folgende Einschaltung diene der Klarstellung. Man muß bei den Gesprächen der Völker untereinander zwischen „Begegnung" und „Treffen" unterscheiden. Nicht jedes „Gespräch" ist eine „Begegnung" im positiven Sinne des Wortes. Wie im Verkehr von Mensch zu Mensch kommt es auch im Lauf der Geschichte vor, daß zwei Völker miteinander in Berührung kommen, ohne daß dadurch etwas Neues entsteht, ohne daß sie sich etwas zu sagen haben und also ohne daß durch die Addition eine kulturelle Summe entsteht. Für das Fehlen eines solchen Ergebnisses gibt es verschiedene Gründe. Manchmal will der eine Partner das Gespräch nicht eröffnen, weil er den zweiten Partner und seine Welt ablehnt und von ihm nichts annehmen wili. Beispiel: das palästinensische Judentum und das Griechentum derMakkabäerzeit. Jeder von diesen Partnern hatte eine große lund reiche Welt, aber die Juden Palästinas lehnten Hellas kategorisch ab. So kam es zu keinem Gespräch. Die Geschichte brachte die beiden Völker in Berührung und zwang sie zu einem „Treffen". Eine „Begegnung" ist daraus nicht geworden. Oder die beiden Partner verkörpern einander entgegengesetzte politische Ideen und können sich nicht verstehen. Beispiel: das gewaltlose Judentum und das machtlüsterne Rom. Es kann schließlich einen dritten Grund geben: Das Gespräch wird nicht produktiv, weil kein Partner dem andern auch nur um eine Zollbreite entgegenkommen will, aus Furcht, damit sich selbst aufzugeben. Beispiel: Das Judentum und das Christentum im Mittelalter. Von solchen „Treffen" zwischen Völkern und Kulturen soll hier nicht die Rede sein. Sie gehören in einen anderen Zusammenhang. Auch die Begegnungen derv Völker, von denen wir hier sprechen wollen, weisen keinen einheitlichen Charakter auf. Eine Begegnung zweier Völker kann so vor sich gehen, daß durch sie eine Kultur-Synthese entsteht, bei der der eine Partner völlig in dem zweiten aufgeht. Entsteht in einem solchen Falle auf der Ebene der beiden Kulturen eine dritte, neue, so ist die Wirkung der Begegnung als positiv anzusehen. Nur wird die Geburt der neuen Kultur durch den Untergang des einen Partners erkauft. Eine zweite Art der Begegnung kann so vor sich gehen, daß jede Gruppe sich — im Dativ — diejenigen Eigenschaften ihres 144