Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1937)
- Article
- Dialogische Geschichte
- Date
- 1937-07-01
- Page
- 143 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895571-2907333--09873-2907368- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dialogische Geschichte hauma, von einem Fürsten der Nation, von einem Engel, den jedes Volk im Himmel besitzt. Die Volkspsychologie der letzten Jahre spricht vom psychischen oder nationalen Ich eines Volkes oder von der Gruppenseele. Alle diese Bezeichnungen sind nur verschiedene Namen für die heute kaum noch bezweifelte Tatsache, daß man von der Seele eines Volkes sprechen kann wie von der Seele und vom Ich eines einzelnen Menschen. Jeder Mensch wird mit einer gewissen charakterlichen Substanz geboren, aber dieser Charakter unterliegt den Veränderungen, die durch Milieu, Klima, Landschaft herbeigeführt werden. Auch der bloße Ablauf der Jahre ist von nicht unwesentlichem Einfluß. Abgerundet wird das Wesen eines Menschen erst im reiferen Alter. Genau so geht es einem Volk. Es wird mit einem psychischen Urelement geboren. Dieses Urelement läßt sich erkennen und bestimmen; über seine Entstehung aber kann man nur soviel aussagen wie über ein letztes unteilbares Atom in der anorganischen Chemie. Wir wissen erfahrungsgemäß, daß das Urelement eines Volkes nicht in seinem statischen Atomzustand verharrt. Im Laufe der Geschichtsentwicklung erhält es gewisse neue Formen, und alte Konturen verwischen sich allmählich. Es entsteht neben dem bei der Geburt vorhandenen Urelement ein zweites, durch die Geschichte gewordenes Element: das historische. Ein gesundes Volk kennt z. B. in seinem Urkern den Begriff der Freiheit. Lebt aber dieses Volk Jahre hindurch in Knechtschaft, so wird es mit der Zeit den Begriff der Freiheit vergessen. Es müssen dann von außen Kräfte einwirken, die dem Volk seine Uridee der Freiheit wieder entdecken helfen. Es ist kein Zufall, daß in der menschlichen Geschichte Freiheitsbewegungen oft von Menschen ausgehen, die selbst nicht dieser geknechteten Schicht angehören: Mose z.B. hat nicht mit den anderen Juden Frondienste getan, H e r z 1 kam aus einer assimilierten Schicht und nicht aus der Masse derer, für deren Befreiung er kämpfte. Währt die Knechtschaft eines Volkes sehr lange, so wird das Urelement, sei es ursprünglich noch so gesund, dadurch angekränkelt werden. Es entsteht dann mitunter eine Melancholie, die zur Wesenseigentümlichkeit des betreffenden Volkes zu gehören scheint, obgleich sie nicht in seinem ursprünglichen Sein angelegt war. Sie ist vielmehr ein Produkt des zweiten, historischen Elements. Nun lebt aber ein Volk nicht in Vereinzelung. Das Schicksal bringt es mit andern Völkern in Berührung, sei es auf kriegerischem oder friedlichem Wege. Abseits von wissenschaftlicher Nüchternheit könnte man diese Berührung der Völker auch so formulieren: Das psychische Ich des einen Volkes sehnt sich im Ablauf der Zeit nach der Berührung mit dem nachbarlichen Ich des zweiten Volkes. Bogenartig werden seelische Brücken ge- 143