Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1937)
- Article
- Umgang mit sich selbst
- Date
- 1937-06-01
- Page
- 115 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umgang mit sich selbst von Arbeit und Saat. Bist du ein Mensch unter Menschen, so lernst du, mit andern auszukommen. Wer aber hielt dich an, mit dir auszukommen, dich hinzunehmen, dich leben zu lassen? In uns ist Gutes und Schlechtes. Höre nun auf mit dem wahnvollen Anspruch, nur gut sein zu wollen. Das ist allein in Gottes. Sein möglich. Höre auch auf, dich zu vernichten, indem du das Schlechte verschlimmerst und die bedrängte Seele in dir keine Zuflucht mehr hat an einer befriedeten Stelle, in ruhigem Gutsein. Es erscheint uns groß, wenn wir die eigenen Fehler erkennen. Doch sind wir schlechte Wächter, wenn wir in ihrem Angesicht die guten Kräfte nicht sorgsamer noch pflegen als vor der Erkenntnis. Es ist also nichts Ausschließliches in uns, und es liegt weder Vollkommenheit in deinem Gutsein noch in deinem Bösen. Du mußt wissen, daß es ein Trug ist und ein ewig irdischer Anspruch, vollkommen sein zu wollen, und sei es auch nur in einem Bereich. Besser zu werden als man ist, fällt schwer. So nimmst du denn lieber das Böse und machst es zum Götzen in deiner Brust Wir alle aber sind Menschen, geschaffen im Ebenbilde Gottes und vertrieben aus dem Paradies. Uns ist gegeben, Schlechtes von Gutem zu unterscheiden und in tiefster Bemühung mitunter besser zu werden, als es anfänglich möglich schien. Wenn du also — ebenso wie du weißt, daß man nicht laut sprechen soll, wenn einer schläft — es dir angewöhnst, zu denken, daß du aus dir keinen Abgott von Gutem oder von Bösem machen sollst, sondern daß du ein Kind Gottes bleibst, das er noch nicht abrief aus dieser Welt, damit es noch Ort und Stunde fände, sich zu bewähren: dann wird ein Weg sich vor dir auftun! Es sollte dir mit leuchtender Schrift über jedem Platz der Stadt, über die Breite der Straßen, an den Pfosten deiner Wohnung durchdringend zu lesen sein: Wenn Gott dich.beläßt willst du über dich richten? Und so laß uns bescheiden werden! Nimm hin, daß du ein Mensch bist. Nimm hin, daß wir alle gemacht sind, Gutes zu erkennen und Böses doch leicht zu tun, und beginne zu leben! Lange hast du dich bemüht, mit andern Menschen auszukommen, ihre Unfreundlichkeit nicht als Bosheit zu nehmen, sondern als Zeichen des Unfriedens, in dem .sie mit sich selber leben. Lange hast du geübt aufzumerken, wo ihr Unglück sie bedrückt, dann unmerklich und liebevoll einzuspringen, um sie zu halten und über ihre Verzweiflung zu leiten. Hast du nicht gern ausgesparte Stunden des Tages, kostbare Unwiederbringlichkeiten der Nacht gegeben, um einem dir Fremden in solcher Verlorenheit beizustehen? Und nun sieh dich an! Was bist du denn anderes als er? Ein Mensch, geboren von Eltern, gern empfangen oder mit 115