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Der Morgen · 1937-06-01 · Heft 3 (Juni 1937) · p. 117

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1937)
Article
Umgang mit sich selbst
Date
1937-06-01
Page
117 (sequence 7)
Language
German
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Umgang mit sich selbst gewartet hast, weil es dir nottut, einem andern Dienst zu erweisen, — nicht um seinetwillen nur, nicht um deinetwillen nur, sondern um des menschlichen Herzens willen und seiner Liebe. Und ist es ein Abend, windig, unfreundlich, eisig bis in die Sternlosigkeit eines wolkenschweren Himmels, so daß nicht einmal ein Hund oder ein Bettler sich in die Nischen der Häuser duckt: dann geh bis zu einer Straßenkreuzung, und da dein Herz doch voll ist vor Bereitschaft, so wirst du einen stehen finden, der mit seinen Brezeln wartet auf einen Käufer, mit seinen Zeitungen auf einen Leser, mit seinen unverkauften Blumen, die morgen schon welken, und den sprich an und löse ihn ab. Vielleicht, daß die furchtbare Not des menschlichen Lebens ihn mißtrauisch gemacht hat und er im ersten Augenblick nicht glauben kann, daß du's mit ihm ehrlich meinst. Dann denke, daß auch er seine verzweifelten Stunden haben wird, und sprich ihm von deinem Unglück. Ein solches Wort wird einen Ort finden, wo du es hinlegen kannst. Wenn Gott befand, es sei nicht gilt, daß der Mensch allein sei, und ihm eine Gehilfin schuf, so meine nicht, du solltest alles alleine zwingen. Nicht in der baumlosen Einsamkeit eines abgesplitterten Gestirnes, nicht in der eisigen Luft einer erloschenen Welt bist du — lieblos und verloren — ausgesetzt zum eigenen Verderben, sondern unter Menschen, mitzuleiden mit ihnen, dich mit ihnen zu freuen und keinen Unterschied mehr zu machen zwischen dem Ich und dem Du. Und das Wunder wird geschehen sein, auf das du tatenlos gewartet hast, weil du meintest, es müsse in strahlender Gestalt vom Himmel kommen. Immer nämlich ist etwas unvollendet in dieser menschlichen Welt, an dem man mitwirken kann, und sei es auch nur, von eingestaubten Schuhen den zweiten zu putzen, den einer stehen ließ aus Müdigkeit seiner Hände. Immer wird sich ein Schreiber finden, der den Brief noch versiegelte, nicht aber mehr vermochte, die müden Füße zur Post zu tragen. Immer wird einer sein, dessen Herzenskraft nicht auszureichen schien, ein vernichtendes Wort zurückzurufen, oder ein besseres, heilendes hinzutragen zum Nächsten. An diese wende dich, und wenn du bereit bist, wirst du dich auf diese Weise wiederfinden. Doch nun gib acht! Hast du das Wagnis gewagt, dich ganz zu verlieren, dich aufzugeben im Dienste des Du, so faß dich auch wieder: „Wer in der Gefahr bleibt, kommt darin um!" Und groß ist die Versuchung, sich hinter ein anderes zu flüchten — sei es ein Mensch oder ein fremdes Werk. Laß dir den Weg der Demut, der niedersten Arbeit nicht zum Weg der Flucht werden, sondern zum Weg der Begegnung. Denn es ist kein Zweifel: nicht um gebückt, sondern um aufrecht zu gehen, sind wir Menschen geschaffen. 117

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