Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Moses Heß - ein Denker der Krise
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 82 (sequence 3)
- Language
- German
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Erich Rosenthal ..Die Menschheit — so ruft er aus — kann den Glauben an eine Vorsehung, die die Geschichte lenkt, nicht entbehren." Ihm aber ist, „mitten in einem Labyrinth von sich widersprechenden Ereignissen und Tendenzen,, welche die gediegensten Geister erschüttern, die israelitische Tradition der Ariadnefaden, der die Menschheit durch den moralischen und religiösen Skeptizismus hindurch bis zur messianischen Epoche führt". Das jüdische Volk, das sich durch die Zeiten hindurch allen Anfeindungen zum Trotz als fest und unerschütterlich erwiesen hat, hat die Kraft, die religiöse und soziale Krise der modernen Menschheit zu bewältigen. Das Geheimnis der religiösen Kraft des Judentums liegt in der Tatsache, daß jüdische Religion und jüdische Rasse untrennbar miteinander verbunden sind. Jüdische Rasse ohne jüdische Religion ist wertlos — das Völkergemisch würde nur um ein Volk vermehrt —, jüdische Religion ohne jüdische Rasse ist kraftlos. Durch diese unzertrennliche, ursprüngliche Einheit ist die jüdische Existenz erhaben über den Dualismus von Idealismus und Materialismus, an dem die übrige Welt zugrunde gehen wird. „Dieses Volk muß zwei Feinden . der Menschen einen Damm entgegensetzen: dem Materialismus und dem Aberglauben." Zur sozialen Regeneration der Menschheit aber ist die jüdische Nation berufen aufgrund ihres „kulturhistorischen Berufs, Welt und Menschen zu einigen und zu verbrüdern im Namen ihres ewigen Schöpfers." Heß glaubt, daß „das nationale Wesen des Judentums die Humanität nicht nur nicht ausschließt, sondern zur notwendigsten Konsequenz hat". Durch dieses im Grunde paradoxe Wesen ist das Judentum imstande, ein Grundproblem der Zeit, die Einung des Menschengeschlechts, trotz des Zerfalls in konkrete, ihrer Eigenart bewußte Nationen und Rassen zu bewältigen. So kann der Verfall der Heils- und Selbstgewißheit, die Zerstörung der Humanität, der Einheit des Menschengeschlechts nur aufgehalten werden durch den Rückgriff auf das Judentum. Wie Kierkegaard den Sprung in das Urchristentum wagt, wie die Romantiker sich in der katholischen Kirche bergen, so glaubt Moses Heß, der Rückgriff hinter das Christentum auf das Urjudentum, auf das Religionsvolk, könne die Erlösung der zerfallenden Welt bewirken. „Gewiß ist, und ich habe nie daran gezweifelt, daß wir heute nach einer weit umfassenderen Erlösung seufzen, als sie das Christentum jemals geboten hat, jemals bieten konnte." Es genügt nicht der Rückgriff auf den religiösen Gehalt des Judentums, sondern einzig und allein die radikale Erneuerung der jüdischen Existenz, die Erneuerung der Einheit von Rasse, Religion und Land ist imstande, das Judentum zu regenerieren zum Zwecke der Erlösung der Menschheit in religiöser und sozialer Hinsicht. Daß Heß' eigentliches Anliegen die Erlösung der Menschheit ist, daß er das, allerdings regenerierte, Judentum nur als den einzig möglichen Weg zu diesem Zweck betrachtet, war nicht zu verstehen, solange man „Rom und Jerusalem" unabhängig von Heß' Gesamtpersönlichkeit und Gesamtabsicht betrachtete. In seinen „Briefen über Israels Mission in der Geschichte der Menschheil**, die klarer, ruhiger und grundsätzlicher gehalten sind als „Rom und Jerusalem", erklärt er ausdrücklich, daß er „unsere nationale Frage immer als die allerletzte aufgefaßt" hat. In „Rom und Jerusalem" hat er dieser allgemeinen Situation gegenüber die Untersuchung in den Vordergrund gestellt, ob die messianische Kraft des Judentums noch vorhanden oder wieder zu erwecken sei. Heß. 82