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Der Morgen · 1937-05-01 · Heft 2 (Mai 1937) · p. 81

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1937)
Article
Moses Heß - ein Denker der Krise
Date
1937-05-01
Page
81 (sequence 2)
Language
German
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Moses Heß — ein Denker der Krise jüdischen Nation, zur Rettung des jüdischen Nationalcharakters waren begründet durch Aussagen über die Kraft des Rassenantisemitismus. Prophezeiungen über das Schicksal der Juden in Deutschland, die eingetroffen sind, geben dem Buch eine so erschütternde Aktualität, daß es allein schon deswegen lohnt, sich darüber Klarheit zu verschaffen, warum das Buch in seiner Zeit nicht verstanden wurde und aufgrund welcher besonderen Geistesverfassung Moses Heß zu seinen hellseherischen Aussagen kommen konnte. Seine geradezu verblüffend modern wirkenden Axiffassungen über das Wesen des Menschen, Formulierungen, die an Max Scheler erinnern, lassen die Klärung seiner Denkform noch dringlicher erscheinen. Wenn die Schrift infolge ihrer Gegenwartsbedeutung manchem Leser und Interpreten als ein Zeichen des totalem Umbruchs, der „Teschuwa", im Leben und Denken von Heß erscheinen mag, so zeigt doch ihr Vergleich mit der im Jahre iSfri erschienenen „Europäischen Triarchie", daß seine Stellung zu den zentralen Problemen so konstant geblieben ist, als wären zwischen der Frühschrift und seinen späteren Arbeiten nicht zwanzig Jahre verflossen. Auch die neuere Heß-Forschung bestätigt, daß seine von Hegel stark beeinflußte Denkform weitgehend in ihrer frühen Prägung verharrte. Das Problem, das Moses Heß beherrscht, ist das Problem seiner Generation. Ihn bewegt der Zerfall des europäischen Selbstbewußtseins, dex durch das Näherrücken der neuen Erdteile hervorgerufen und durch die Erschließung ihrer Kulturen und Geschichtsräume beschleunigt wird. Ihn bewegt die Neuordnung der europäischen Gesellschaft, nachdem die mittelalterliche unwiederbringlich dahin ist. Die Relativierung des europäischen- Selbstbewußtseins erscheint ihm als die Folge des Verlustes des abendländisch-christlichen Gottesbegriffs. Gott ist aus seiner Transzendenz herabgestiegen, seines absoluten Königtums beraubt, um als absoluter Geist der Geschichte wirksam zu sein. Heß ist sich des revolutionären Charakters dieser Entthronung vollkommen bewußt: „Unsere Erziehung ist beschlossen. Wir sind der Zuchtrute des Geistes und der Autorität der Kirche entwachsen. Hingewiesen auf uns selbst, hingestellt auf unsere eigenen Füße, taumeln wir zwar noch, wie vom Gängelbande kaum entwöhnt. . ." Ob aber ein Leben „ganz nach unserer Eingebung und frei von jeder Autorität" möglich ist, ob man jemals ohne das „Gängelband" des Schöpfergottes wird selbständig gehen können, ist dem jungen Heß sehr zweifelhaft. „In Todesnot ängstigt sich die moderne Welt. Sie hat den Boden, aus dem sie sproß, verloren.*' Die Folgen dieser Bodenlosigkeit, dieses Verfalls der Heils- und Selbstgewißheit ist die Relativierung jeder Norm und jedes Wertsystems. „Ein Jeder hat in unserer Zeit sein eigenes religiöses Steckenpferd, jeder mags haben, aber wissen-sollte man, daß alles, was in einer Übergangszeit wie die unsrige geschaffen wird, nichts Notwendiges, Gewordenes, sondern Willkürliches, Gemachtes ist." Für sich selbst findet Heß in dieser Erschütterung aller Grundlagen den Halt in der Geschichte, und zeit seines Lebens hält er an dem Glauben fest, daß die Geschichte sinnvoll gelenkt wird. Weil Gott sich in der Geschichte kundgibt, wird die Geschichte zur heiligen Geschichte der Menschheit. Das Ziel dieser heiligen Geschichte, das mit der Aufgabe der Religion identisch ist, ist die Einheit des Menschen, die Überwindung des unseligen Dualismus von Natur und Geist und die Einheit des Menschengeschlechts. 81

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