Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Von den ersten Operetten
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 78 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch dafür als ein Gedicht von Goldfaden selbst in dem jiddisch nicht seltenen Schiller-Epigonenton: Steh auf, mein Volk, erwach aus deinem Schlummer, In Narrheit bleib nicht mehr verklaubt, Wie frisch ist der Morgen, wie lauter der Himmel! Alles freut sich und lebt. Bei allen Völkern sind die Fensterläden lange offen, Ein Scheinen von Bildung leuchtet zu ihnen herein, Frische Luft von Wissenschaften und Hoffen Strömt ihnen ins Zimmer herein. Nur du, mein Volk, willst die Läden nicht aufmachen, Mit dir, mein Volk, ists eine ewige Plag', Du verschläfst die Zeit, du willst nicht erwachen. Steh auf, mein Volk, es ist schon Tag! Doch es liegt in der Natur der Sache, daß dieses Motiv der Aufklärung und des Fortschritts in den Stücken vom Spiel und vom Spielerischen übertönt wird und höchstens als Satire gelegentlich zur Geltung kommt. Die biblischen Stücke sind von der Naivität der Volksvorstellung erfüllt. Der Chor der Wallfahrer in Jerusalem in „Sulamith" singt eine in Reimverse gebrachte und erweiterte Darstellung der entsprechenden biblischen Angaben, und die in der Wüste verirrte Titelheldin betet: „Laß dein Wunder hier an mir geschehn, Laß vor Durst mich hier nicht sterbend untergehn, Ach das ist ja doch ein sehr, sehr bittrer Tod!" Darauf aber folgt das bekannte Volkslied „Rosinkes und Mandeln", und als Sulamith es eben ganz zu Ende gesungen hat, tritt Absalom mit den Worten auf: „Ha, was hör ich? Die Stimme eines Geistes!" Im Duett überzeugt ihn Sulamith, daß sie Fleisch und Blut ist, und er singt: „Ach Gott, was seh ich? Was für ein Brillant! Sie blendet mich gar wie ein Diamant! Welch ein Zauber umschwebt mich jetzund! In der wilden Wüste solch ein reizend Kind!" Im „Bar Kochba" ist der Grundton pathetischer, Klagelieder von Frauenchören und Rachegesänge mit vielen Strophen stehen im Vordergrund, darunter eine Kerker-Arie: Aus dem Kerker hier, aus den finstern Wänden Schick ich, Bar Kochba, dir meinen Segen zu. Müde werden mögen nie deine tapfern Hände, Bis daß du gesiegt hast, gönn dir keine Ruh! Schon hör ich, wie — ja, wie dein Heer siegt! Schon seh ich, wie — ja, wie der Feind unterliegt! Wer ist er, wer? Ja, die Römer — Stille, stille — Mein Gott! Mein Gott! Zeig dein Wunder! 78